Wie man einen totalitären Staat erschafft – für Dummies :)
1. Nenne dein Vorhaben niemals totalitär.
Du willst Sicherheit. Ordnung. Eine bessere Zukunft. Freiheit darf im Namen vorkommen. Im Alltag wird sie zunehmend unpraktisch.
2. Erkläre komplizierte Probleme mit einem einzigen Feind.
Unterschiedliche Ursachen sind anstrengend. Eine Gruppe, die angeblich an allem schuld ist, versteht jeder. Bald fragt niemand mehr: „Stimmt das?“ Sondern: „Gehörst du etwa zu denen?“
3. Mach aus politischen Gegnern Staatsfeinde.
Mit Gegnern müsste man diskutieren. Staatsfeinde muss man nur noch bekämpfen. Erkläre deshalb jeden Widerspruch zum Angriff auf das ganze Land.
4. Lass die Presse frei. Solange sie dir recht gibt.
Kritische Berichte heißen jetzt Hetze. Unbequeme Recherchen Verrat. Am Ende gibt es viele Zeitungen und überall dieselbe Antwort.
5. Behalte die Gerichte. Entferne ihre Unabhängigkeit.
Richter dürfen weiterhin urteilen. Sie sollen nur vorher wissen, welches Urteil ihrer Karriere guttut. Das Gesetz steht dann noch über dem Bürger. Über der Regierung steht es nicht mehr.
6. Erkläre den Ausnahmezustand zum Dauerzustand.
Die Einschränkungen sind selbstverständlich vorübergehend. Leider ist immer gerade etwas. Die Rückkehr zur Freiheit verschiebt sich auf einen günstigeren Zeitpunkt.
7. Verwechsle die Regierung mit dem Land.
Wer die Führung kritisiert, hasst angeblich seine Heimat. Wer Gehorsam verweigert, verrät seine Mitmenschen. So wird aus Loyalität zum Land Unterwerfung unter seine Machthaber.
8. Mach Privatsphäre verdächtig.
Wer nichts zu verbergen hat, braucht schließlich keine. Bis Menschen anfangen, selbst bei harmlosen Gesprächen zu überlegen, wer mithört.
9. Lass die Menschen einander überwachen.
Im Büro, im Verein, am Küchentisch. Wenn jeder fürchten muss, wegen eines Satzes gemeldet zu werden, erledigt sich ein Teil der Zensur von selbst.
10. Kümmere dich auch um das Denken.
Schule, Kunst und Wissenschaft sollen deine Weltanschauung bestätigen. Ergebnisse stehen am besten vorher fest. Eigenständiges Denken bleibt erwünscht – innerhalb der vorgegebenen Schlussfolgerungen.
11. Lass Wahlen stattfinden. Verhindere echte Auswahl.
Wahlzettel sehen gut aus. Gefährlich wird es erst, wenn Gegner sich frei organisieren, Menschen sich unabhängig informieren und die Regierung tatsächlich abgewählt werden kann.
12. Bring den Menschen bei, sich selbst zum Schweigen zu bringen.
Dein größter Erfolg ist nicht, dass alle dir glauben. Es genügt, wenn kaum noch jemand öffentlich widerspricht.
Irgendwann sagt jemand:
„Also, ich habe meine Meinung bisher immer frei sagen können.“
Vielleicht.
Aber konnte es auch der Mensch, dessen Meinung du verabscheust?
Eine Demokratie erkennt man daran, dass man die Mächtigen ohne Angst kritisieren, ihre Entscheidungen unabhängig überprüfen lassen und sie in freien Wahlen ablösen kann.
Nicht jede schlechte Entscheidung macht einen Staat totalitär. Gefährlich wird es, wenn Macht systematisch ihre Grenzen beseitigt und schließlich auch bestimmen will, was Menschen denken, sagen und glauben dürfen.
AVA