Jens-Spahn-Effekt und Ski Aggu
Streisand-Effekt:
Der Begriff entstand 2003. Barbra Streisand wollte verhindern, dass ein Luftbild ihres Hauses im Internet verbreitet wird. Das Foto war bis dahin praktisch bedeutungslos, es war gerade einmal sechsmal heruntergeladen worden, zweimal davon von ihren eigenen Anwälten. Dann klagte Streisand gegen die Veröffentlichung. Plötzlich berichteten Medien darüber, Hunderttausende Menschen besuchten die betreffende Website und aus einem belanglosen Luftbild wurde Internetgeschichte.
Das klingt zunächst nach einer hübschen Anekdote. Dahinter steckt aber ein ernsthaft untersuchtes Phänomen.
Schon lange vor dem Internet konnten Stephen Worchel und Susan Arnold experimentell zeigen, was Zensur mit Informationen macht. Versuchspersonen wollten eine Rede gerade dann stärker hören, wenn ihnen mitgeteilt wurde, diese sei zensiert worden. Die Autoren erklärten das mit psychologischer Reaktanz: Wer den Eindruck bekommt, ihm werde eine Information vorenthalten, entwickelt unter Umständen erst deshalb Interesse an ihr.
Im Internet kommt ein zweiter Mechanismus hinzu. Jeanne Hagenbach und Frédéric Koessler haben den Streisand-Effekt spieltheoretisch als Signaling-Problem beschrieben. Wer sichtbar versucht, eine Information verschwinden zu lassen, verrät dem Publikum damit unfreiwillig etwas über sie: Offenbar hält irgendjemand diese Information für wichtig, peinlich oder gefährlich genug, um gegen sie vorzugehen. Genau dieses Signal kann den Suchanreiz erhöhen.
Dass das nicht nur Theorie ist, zeigte etwa Zubair Nabi anhand realer Internetzensur in Pakistan und der Türkei. Mit Daten aus Google Trends, YouTube und Web-Rankings ließ sich beobachten, dass Sperrmaßnahmen bestimmte Inhalte nicht nur nicht verschwinden ließen, sondern deren Bekanntheit teilweise erst erhöhten.
Natürlich führt nicht jede Abmahnung automatisch zum Streisand-Effekt. Erfolgreiche Unterlassungsansprüche können Reichweite auch tatsächlich begrenzen. Besonders riskant wird es aber dort, wo die Reaktion selbst viel interessanter ist als die ursprüngliche Äußerung.
Und genau das ist das kommunikative Problem im Fall Jens Spahn und Ski Aggu: Eine flapsige Geschichte aus einem Livestream, die vom Erzähler selbst schon wieder als erfunden bezeichnet worden war, bekommt durch Abmahnung, Strafanzeige und bundesweite Berichterstattung ein völlig neues Leben.
„Jens Spahn zeigt Ski Aggu an“ ist ein sehr griffiger Titel, der der medialen Berichterstattung erst richtig Fahrt verleiht.