Vor sieben Jahren, auf meiner ersten Reise nach Taiwan, sah ich aus dem Flugzeug zum ersten Mal die Küste der Insel. Ich erinnere mich noch genau an das unbeschreibliche Gefühl, das ich in diesem Moment empfand:
Taiwan, endlich habe ich dich gesehen.
Zwei Wochen lang reiste ich damals rund um die Insel. Tausendmal habe ich mich glücklich gefühlt:
als ich endlich das erste Album meines Lieblingssängers fand, das vor über dreißig Jahren erschienen war,
als ich um drei Uhr morgens in einer Eslite-Buchhandlung endlich in chinesischsprachigen Büchern stöbern konnte, die anderswo verboten sind,
als ich in der Guling-Straße in Taipei dem Schauplatz eines meiner Lieblingsfilme, „A Brighter Summer Day“, ganz nahekam,
als ich in einem Museum die schmerzhafte Geschichte des 228-Massakers in Taiwan hautnah erlebte,
als ich im Süden der Insel den wunderbaren Blick aufs Meer genoss, „Island’s Sunrise“ hörte und weinte,
und als ich unterwegs die wunderschöne Ebene Taiwans sah, die zwar nicht so weitläufig ist wie die Mandschurei, meine Heimat, aber dennoch ihren ganz eigenen Reiz hat…
In meiner Kindheit und Jugend, in der sogenannten goldenen Zeit, waren taiwanische Lieder, Filme, Serien und Bücher ein unersetzlicher Teil meines kleinen Lebens. Taiwan war für mich lange Zeit wie ein weit entfernter Traum: wunderschön, aber unerreichbar.
Sieben Jahre später bin ich nun zum dritten Mal nach Taiwan zurückgekehrt. Die Insel ist immer noch unglaublich vielfältig und lebendig. Das Leben ist dort viel, viel, viel, viel bequemer als in Europa. Auch im Oktober fühlt sich das Wetter noch wie Hochsommer an.
Ich habe viele Museen in Taipei und Tainan besucht, die eindrucksvoll davon erzählen, welche dunklen Zeiten die Menschen in Taiwan durchleben mussten und wie hart sie für den Aufbau der heutigen demokratischen und freien Gesellschaft gekämpft haben.
Ich habe in Taipei ein wunderbares Theaterstück gesehen, das anhand der Geschichte einer traditionellen taiwanischen Familie über hundert Jahre hinweg vom Schicksal Taiwans und von der Frage nach der eigenen Identität der heutigen taiwanischen Bevölkerung erzählt.
Ich habe mich mit zahlreichen Taiwanern unterhalten. Sie haben unterschiedliche Hintergründe und vertreten unterschiedliche kulturelle und politische Überzeugungen, tragen aber dennoch denselben Namen: 台湾人.
Und auch ich sagte ihnen immer wieder: „Ich komme aus der Mandschurei.“
Im Vergleich zu früher bin ich diesmal deutlich mehr ausländischen Touristen begegnet, insbesondere aus dem Westen. Dreimal habe ich selbst gefragt: „Where are you from?“ Sie alle antworteten: „Germany.“
Immer mehr Menschen richten ihren Blick auf Taiwan. Das ist ein schönes Zeichen in dieser komplizierten Zeit.
Auch diesmal bin ich um die Insel gereist, habe wunderschöne Landschaften gesehen und das großartige Essen genossen.
Und ich habe sogar in einer Bar in Taitung gesungen. Es war ein wunderschöner Abend.
Auch diesmal spürte ich dieses unbeschreibliche Gefühl immer wieder. Und immer wieder wünsche ich Taiwan von ganzem Herzen:
auch wenn der Weg dorthin vermutlich sehr schwer sein wird,
auch wenn sich die Geschichte immer wieder zu wiederholen scheint und auf dem Weg zur Freiheit Tausende Hindernisse überwunden werden müssen,
wünsche ich der taiwanischen Bevölkerung, dass sie ihren Mut bewahrt und eines Tages endlich frei sein wird.