Hier nun der letzte Teil meiner Anmerkungen zu Ihrem Text. Er bringt den einen oder anderen neuen Gedanken, aber im Großen und Ganzen wurde bereits alles direkt oder indirekt gesagt.
Die marxistische Grundkritik: Der Mensch als "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse"
Marx nannte die Vorstellung des isolierten, autonomen Individuums spöttisch "Robinsonaden". Für den Marxismus ist das Individuum kein Startpunkt, sondern ein Resultat.
Struktur vor Akteur: Nicht das Bewusstsein der Menschen bestimmt ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein ihr Bewusstsein. Ein Kapitalist handelt nicht als "böser Mensch", sondern weil er den Sachzwängen der Konkurrenz unterliegt.
Klassenverhältnisse: Der MI ignoriert, dass Individuen in vordefinierte Machtstrukturen hineingeboren werden. Ein Arbeiter und ein Erbe eines Milliardenkonzerns haben zwar beide "Präferenzen", aber ihre Handlungsspielräume sind durch ihre Klassenlage strukturell determiniert.
Die Brücke zur Komplexitätsökonomik: Emergenz vs. Reduktionismus
Die Komplexitätsökonomik stützt das marxistische Argument, indem sie zeigt, dass Systeme Eigenschaften besitzen, die sich nicht aus der bloßen Addition ihrer Teile ergeben (Emergenz).
Nicht-Linearität: Im MI führt individuelles Sparen zu mehr Wohlstand. In der Realität (und bei Marx/Keynes) kann kollektives Sparen in einer Krise die gesamte Wirtschaft kollabieren lassen (Sparparadoxon). Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Systemische Gesetze: Marx sprach von den "Bewegungsgesetzen des Kapitals". Die Komplexitätsökonomik beschreibt ähnliche Dynamiken durch Feedback-Loops und Pfadabhängigkeiten. Ein Börsencrash ist kein "individueller Fehler", sondern ein emergentes Systemereignis, das kein Einzelner kontrolliert oder beabsichtigt hat.
Kritik am MI: Der MI versucht, einen Wirbelsturm zu erklären, indem er nur die Eigenschaften einzelner Luftmoleküle untersucht. Er übersieht die Dynamik des Sturms selbst.
Die Brücke zur Verhaltensökonomik: Das Ende des "Homo Economicus"
Der MI stützt sich oft auf das Modell des rationalen Maximierers. Die Verhaltensökonomik (Behavioral Economics) demontiert dieses Bild, was marxistische Thesen zur Ideologie und Entfremdung stützt.
Endogene Präferenzen: Während der MI davon ausgeht, dass Wünsche einfach "da" sind, zeigt die Verhaltensökonomik (und Marx), dass Präferenzen durch das Umfeld geformt werden. In einer kapitalistischen Gesellschaft wird "Nutzenmaximierung" durch soziale Konditionierung und Werbung erst erzeugt.
Begrenzte Rationalität: Wenn Menschen nicht rational entscheiden, bricht das Kartenhaus des MI zusammen, das behauptet, soziale Ordnung sei das Ergebnis optimaler individueller Wahlakte. Stattdessen sehen wir oft "Herdenverhalten", was Marx' Analyse des Warenfetischismus ähnelt: Menschen folgen den Bewegungen der Märkte wie fremden Mächten, anstatt sie souverän zu steuern.
Synthese: Warum der MI aus marxistischer Sicht scheitert
Die Kombination dieser Ansätze führt zu einer vernichtenden Kritik am Methodologischen Individualismus:
Die Blindheit für Macht und Geschichte
Der MI behandelt den Tausch auf dem Markt als eine Begegnung zwischen zwei Gleichen. Marx, unterstützt durch die Erkenntnis der Pfadabhängigkeit (Komplexitätsökonomik), zeigt, dass die historische Akkumulation (wer besitzt die Produktionsmittel?) die Regeln des Spiels bereits festgelegt hat, bevor das Individuum den Markt betritt.
Das Problem der "Sachzwänge"
Der MI behauptet, wir seien frei. Marx und die Komplexitätstheorie zeigen: Wir sind in einem Netz von Interdependenzen gefangen. Wenn ein Unternehmen die Löhne nicht senkt, geht es im Wettbewerb unter. Das Individuum "wählt" die Lohnsenkung nicht freiwillig, es exekutiert einen Systemzwang.
Fazit: Der Methodologische Individualismus ist aus marxistischer Sicht eine "halbe Wahrheit". Er beschreibt zwar, wie wir uns fühlen (als freie Entscheider), ignoriert aber die unsichtbaren Fäden der sozialen Strukturen und komplexen Rückkopplungen, die unser Handeln eigentlich steuern.
Die moderne Komplexitätsforschung gibt Marx recht: Man kann den Wald nicht verstehen, wenn man nur die Biologie des einzelnen Baumes studiert.
Gern räume ich ein, dass man diesbezüglich zwischen einem Mises-Rothbard-Hoppe und einem Hayek-Zweig unterscheiden muss. Aus marxistischer Sicht sowie aus der Perspektive der Komplexitätsökonomik müssen diese beiden Zweige der Österreichischen Schule sehr unterschiedlich bewertet werden.
Obwohl beide Gruppen den Methodologischen Individualismus (MI) als Fundament nutzen, ist ihre Herleitung und die daraus resultierende politische Stoßrichtung verschieden. Man könnte sagen: Mises und Rothbard sind die „Logiker der Atome“, während Hayek der „Theoretiker des Netzwerks“ ist.
1. Mises, Rothbard und Hoppe: Die „Axiomatische Sackgasse“
Diese Denker vertreten einen extremen, fast religiösen MI, der auf der Praxeologie (Mises) basiert.
Marxistische Kritik: Für Marxisten ist dieser Zweig die reinste Form der bürgerlichen Ideologie. Mises behauptet, dass menschliches Handeln zeitlosen, logischen Gesetzen folgt (das Axiom des Handelns). Aus marxistischer Sicht ignoriert das völlig die materielle Basis und die Geschichte. Es wird so getan, als hätte ein steinzeitlicher Jäger nach derselben Logik gehandelt wie ein moderner Daytrader.
Verhaltensökonomische Kritik: Hier ist die Kritik vernichtend. Mises lehnt Empirie ab. Wenn die Verhaltensökonomik zeigt, dass Menschen systematisch „irrational“ handeln, antwortet die Mises-Schule: „Das ist egal, denn subjektiv ist jedes Handeln für den Akteur rational.“ Das ist aus wissenschaftlicher Sicht ein Zirkelschluss, der jede reale psychologische Erkenntnis blockiert.
Komplexitätsökonomik: Mises und Rothbard lehnen mathematische Modelle und Systemtheorie oft ab. Sie sehen das System nur als die Summe der Einzelteile. Die Idee der Emergenz (dass das System Gesetze entwickelt, die gegen den Willen der Individuen wirken) wird als kollektivistischer Irrtum abgetan.
2. F.A. von Hayek: Der „Systemtheoretiker des Marktes“
Hayek ist für Marxisten (und Komplexitätsforscher) ein viel interessanterer und gefährlicherer Gegner.
Spontane Ordnung und Emergenz: Hayek erkennt an, dass der Markt ein komplexes System ist, das Informationen verarbeitet, die kein Einzelner besitzen kann. Das nähert ihn der Komplexitätsökonomik an. Er sieht die Gesellschaft als einen Organismus, der sich durch Versuch und Irrtum entwickelt.
Marxistische Kritik (Warenfetischismus): Marxisten kritisieren an Hayek, dass er den Markt naturalisiert. Für Hayek ist die „spontane Ordnung“ fast wie ein Naturgesetz. Marx würde sagen: Das ist der Gipfel des Warenfetischismus. Hayek sieht die sozialen Beziehungen zwischen Menschen als eine Beziehung zwischen Dingen (Preisen) und behauptet, wir dürften nicht eingreifen, weil das System zu komplex sei. Er nutzt die Komplexität als Argument, um den Status Quo der Klassenverhältnisse zu schützen.
Verhaltensökonomik: Hayek ist hier moderner als Mises. Er weiß, dass Individuen nicht alles wissen („Knowledge Problem“). Er argumentiert aber, dass gerade deshalb das Preissystem so wichtig ist – als Krücke für unsere begrenzte Rationalität.
Aus marxistischer Sicht sind Mises, Rothbard und Hoppe theoretisch leichter zu demontieren, weil ihr Modell des „hyper-rationalen Atoms“ so offensichtlich die soziale Realität und die Geschichte ignoriert. Sie betreiben eine Art „ökonomische Metaphysik“.
Hayek hingegen ist eine echte Herausforderung. Er antizipiert viele Aspekte der Komplexitätstheorie. Seine Verteidigung des Kapitalismus beruht nicht darauf, dass der Einzelne so schlau ist (wie bei Mises), sondern dass das System so komplex ist, dass jede bewusste Planung (Sozialismus) scheitern muss.
Die marxistische Antwort auf Hayek lautet heute oft: Die moderne Komplexitätsökonomik und Big Data könnten das „Wissensproblem“ lösen, das Hayek für unlösbar hielt. Während Mises also in einer logischen Vergangenheit feststeckt, bietet Hayek die Blaupause für die Debatte über die Planbarkeit komplexer Systeme in der Zukunft.
Gern räume ich allerdings ein, dass ich nicht sicher bin, ob die KI das Wissensproblem wirklich lösen kann.
KI kann nur verarbeiten, was repräsentierbar ist. Hayeks Punkt: Ein Großteil ökonomischen Wissens ist nicht repräsentierbar, weil es:
- körpergebunden ist (embodied cognition)
- sozial eingebettet ist (embeddedness, Granovetter)
- erst im Handeln entsteht (pragmatistische Tradition)
- nicht vollständig sprachlich formulierbar ist (Polanyi: We know more than we can tell)
KI kann Muster erkennen, aber nicht das präreflexive Können eines erfahrenen Handwerkers oder Traders vollständig formalisieren.
Wenn mich mein Bauchgefühl also nicht täuscht, werden auch in Zukunft - trotz des rasanten Fortschreitens der KI-Robotik - zumindest einige privilegierte Menschen in der Wirtschaft noch etwas zu tun haben. Es mag aber auch sein, dass in einer mentalen Pfadabhängigkeit stecke und nicht mehr über den Tellerrand hinaus zu schauen vermag.
Die Österreichische Schule lässt sich aus marxistischer Sicht lehrbuchmäßig abhandeln:
Marxistische Kritik der Österreichischen Schule
1. Werttheorie: Grenznutzen gegen Arbeitswerttheorie
Die fundamentalste Differenz liegt in der Werttheorie. Die Österreichische Schule erklärt den Tauschwert durch subjektiven Grenznutzen — Wert entsteht im Bewusstsein des bewertenden Subjekts. Für Marx ist das ideologische Inversion: Sie nimmt die Erscheinungsform der Zirkulation (Tausch unterschiedlich bewerteter Güter) für das Wesen. Dass im Tausch subjektive Wertschätzungen ausgetauscht werden, bestreitet Marx nicht — aber er fragt: Was macht Waren überhaupt kommensurabel? Die Antwort kann nicht im Grenznutzen liegen, denn dieser ist qualitativ heterogen und liefert keinen gemeinsamen Nenner. Die abstrakte menschliche Arbeit als gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeit ist das tertium comparationis, das Kommensurabilität erst möglich macht.
Die Grenznutzentheorie verschleiert dabei das Entscheidende: Sie abstrahiert von der Produktion und setzt beim Tausch an. Damit wird das Kapitalverhältnis — die Aneignung von Mehrwert im Produktionsprozess — unsichtbar gemacht. Der Mehrwert erscheint nicht, weil er in der Zirkulationssphäre nicht sichtbar ist; die Österreichische Schule verewigt diese Blindheit zur Methode.
2. Wissen und Marktpreise: Hayek als Ideologie der Verdinglichung
Hayeks Wissensargument — dezentrales, implizites Wissen könne nur durch Preissignale koordiniert werden — ist aus marxistischer Sicht eine fetischisierte Beschreibung realer Verhältnisse, die diese zugleich naturalisiert. Marx analysiert in der Warenfetisch-Passage des Kapital genau diesen Mechanismus: Gesellschaftliche Verhältnisse zwischen Menschen erscheinen als sachliche Eigenschaften von Dingen — der Preis scheint Informationsträger zu sein, aber er ist in Wahrheit geronnenes Klassenverhältnis.
Hayek beschreibt korrekt die Funktionsweise des kapitalistischen Marktes, aber er ontologisiert sie: Was historisch-spezifische Form gesellschaftlicher Koordination unter kapitalistischen Verhältnissen ist, wird zur einzig möglichen Form rationaler Koordination überhaupt. Das ist ahistorische Hypostasierung. Zudem ignoriert das Wissensargument, dass Marktpreise strukturell verzerren: Sie kodieren Kaufkraft, nicht gesellschaftlichen Bedarf. Wissen über die Bedürfnisse der Armen wird durch Preissignale systematisch untergewichtet — nicht weil die Preise gestört sind, sondern weil sie funktionieren.
3. Zinstheorie: Zeitpräferenz als Naturalisierung des Kapitals
Die Zeitpräferenztheorie des Zinses ist aus marxistischer Perspektive das klassische Beispiel ideologischer Neutralisierung von Ausbeutungsverhältnissen. Der Zins erscheint als natürliche Kompensation für Konsumverzicht — als ob Kapitalbesitz eine Leistung wäre, die Entlohnung verdient.
Marx dagegen zeigt: Zins ist eine Erscheinungsform des Mehrwerts. Er entsteht nicht aus der Zeitpräferenz des Kapitalisten, sondern aus der unbezahlten Arbeit des Lohnarbeiters im Produktionsprozess. Die Zeitpräferenz des Kapitalisten setzt bereits voraus, dass er Kapital besitzt — also dass ein historisches Klassenverhältnis bereits etabliert ist. Dieses Verhältnis wird durch die Zeitpräferenztheorie nicht erklärt, sondern vorausgesetzt und verdeckt. Warum hat der Arbeiter keine Zeitpräferenz, die es ihm erlaubt, Zinsen zu erheben? Weil er sein Kapital bereits an den Kapitalisten verkauft hat — als Arbeitskraft. Die strukturelle Asymmetrie verschwindet in der psychologisierenden Gleichsetzung aller Subjekte als Zeitpräferenzträger.
4. Konjunkturtheorie: ABCT und die Verschleierung des Krisenmechanismus
Die Österreichische Konjunkturtheorie (ABCT) erklärt Krisen als Störung natürlicher Koordination durch staatliche Zinsmanipulation. Das ist aus marxistischer Sicht doppelt ideologisch:
Erstens wird die Krise von einer Störung innerhalb des Kapitalismus in eine Störung des Kapitalismus durch externe Eingriffe umgedeutet. Die strukturellen Krisentendenzen des Kapitalismus — tendentieller Fall der Profitrate, Überakkumulation, Realisierungsprobleme — werden ausgeblendet. Krisen erscheinen als vermeidbar, wenn nur der Staat sich zurückzöge. Das Kapital selbst ist krisenlos; die Politik krisenhaft. Diese Verschiebung ist funktional: Sie entlastet das Kapitalverhältnis und macht den Staat zum Sündenbock.
Zweitens setzt der Begriff des „natürlichen Zinses" oder „Urzinses" einen Gleichgewichtszustand voraus, der rein kapitalistischer Koordination entspräche. Dieser Zustand ist eine normative Fiktion — kein Markt hat je ohne Staat, Rechtssystem, Geldpolitik und Gewaltmonopol existiert. Die Österreichische Schule naturalisiert eine historisch spezifische Konfiguration und erklärt Abweichungen von ihr zur Pathologie.
5. Das Subjekt der Österreichischen Schule: Methodologischer Individualismus als Ideologie
Übergreifend ist die methodologische Grundentscheidung der Österreichischen Schule — der methodologische Individualismus — aus marxistischer Sicht die eigentliche ideologische Kernoperation. Gesellschaftliche Verhältnisse werden auf individuelle Präferenzen, Entscheidungen und Handlungen reduziert. Was die Feuerbachthesen zum Wesen des Menschen sagen, gilt hier in negativer Formulierung: Die Österreichische Schule behandelt das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse als Aggregat individueller Wesensmerkmale (Zeitpräferenz, Wissensstreuung, Grenznutzen).
Das verkehrt die reale Genese: Individuelle Präferenzen sind gesellschaftlich formiert — durch Klassenposition, Ideologie, kulturelle Reproduktion. Die Vorstellung eines präsozialen Subjekts mit gegebenen Präferenzen ist selbst ein historisches Produkt der bürgerlichen Gesellschaft, das diese als naturgegebene Form des Menschen projiziert. Praxeologie als apriorische Handlungstheorie (Mises) ist damit keine Wissenschaft, sondern Ideologie in Wissenschaftsform — sie systematisiert die Selbstbeschreibung des bürgerlichen Subjekts und erklärt sie zum Ausgangspunkt aller Ökonomie.
Das genuine Verdienst der Österreichischen Schule aus marxistischer Sicht liegt nicht in ihren Antworten, sondern in der Qualität einiger ihrer Fragen: Prozessualität statt Gleichgewicht, Zeitlichkeit statt Statik, Heterogenität statt Aggregation, Unsicherheit statt Kalkül, Geldendogenität statt Neutralität. Diese Fragen stellen die Neoklassik vor reale Probleme — und die österreichischen Antworten (Markt, Preis, Zeitpräferenz, Urzins) sind ideologisch, aber die Fragen selbst öffnen Räume, die marxistische Kritik produktiv besetzen kann.
Der letzte Punkt, den es noch abzuhandeln gilt, ist der Methodologische Individualismus. Eigentlich ist hierzu im Bisherigen implizit schon alles gesagt. Aber ich will es dennoch erneut verdeutlichen. Dies folgt im letzten Teil, den ich vermutlich morgen in Angriff nehmen kann.
@rumornort@sisyphos_dd@NorbertBolz In meinem - doch etwas vorgerückten Alter - sollte man eigentlich keine Bücher mehr schreiben. Dies wäre dann doch wohl eine Anmaßung gegenüber den Jüngeren. Lust dazu hätte ich durchaus, wenngleich über ein anderes Thema aus der Geschichte der Psychologie.
Es wird ein wenig dauern, bis ich mich durch diesen umfassenden Text gearbeitet habe, zumal er dieselben Missverständnisse widerkäut, die ich ausgeräumt zu haben glaubte. Aber ich werde mir die Zeit dazu nehmen, da es durchaus mehr denn je notwendig ist zu zeigen, dass der auf Hegel beruhende Marxismus nicht das Problem ist, sondern die Lösung bietet - und dies nicht nur für Wirtschaft und Politik, sondern für die Wissenschaften vom Menschen schlechthin.
@Arno_Schweizer Die AfD könnte nicht aus "Pflichtgefühl" verboten werden, sondern nur, wenn die rechtlichen Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Genau diese Rechtsstaatlichkeit ist es, die von der Bundeswehr zu verteidigen ist.
Die Praxeologie behauptet, ihr Axiom „Der Mensch handelt" sei ein synthetisches Apriori, also apodiktisch wahr. Man könne dieses Axiom nicht bestreiten, ohne selbst zu handeln, denn Bestreiten sei Handeln — ein performativer Selbstwiderspruch mache jeden Zweifel selbstwiderlegend.
Dieser Anspruch setzt jedoch bereits eine bestimmte Ontologie voraus: dass „Bestreiten" als intentionale Handlung zu klassifizieren ist und nicht etwa als neuronaler Prozess, dem Intentionalität nur nachträglich zugeschrieben wird. Der eliminatorische Naturalismus verweigert genau diese Klassifikation kohärent: Aus seiner Perspektive ist das Bestreiten des Satzes „Der Mensch handelt" eine Operation des Nervensystems, aber kein Handeln im praxeologischen Sinne.
Der performative Selbstwiderspruch greift damit nur innerhalb einer Beschreibungsebene, die der eliminatorische Naturalismus seinerseits ablehnt.
Das praxeologische Axiom erhebt jedoch den Anspruch, nicht bloß innerhalb eines philosophischen Rahmens gültig zu sein, sondern apodiktisch — also schlechthin und ohne Ausnahme. Genau dieser Anspruch ist inkohärent: Ein Satz, dessen Unanfechtbarkeit von einer bestreitbaren Ontologie abhängt, kann nicht synthetisch a priori im strengen Sinne sein. Da die Wahl zwischen der praxeologischen und der naturalistischen Ontologie nicht durch logischen Zwang entschieden werden kann, ist kein Rahmen vortheoretisch privilegiert.
Der Apodiktizitätsanspruch des Axioms ist damit nicht einlösbar — und das Axiom „Der Mensch handelt" kann gerechtfertigt als eine philosophisch kontingente, nicht als eine apodiktisch notwendige Aussage betrachtet werden.
Gegen den eliminatorischen Naturalismus wird eingewendet, er könne für seine Ablehnung des Handlungsaxioms keinen Geltungsanspruch erheben, da neuronale Prozesse als subjektlose, objektivistische Abläufe dazu prinzipiell nicht in der Lage seien. Selbst wenn dies zuträfe, wäre dieser Einwand hier unerheblich.
Denn der Wahrheitswert einer Aussage hängt nicht vom Status desjenigen ab, der sie äußert, sondern allein davon, ob sie zutrifft oder nicht — unabhängig davon, ob sie von einem Subjekt mit Geltungsanspruch, von einem Nervensystem oder von einer KI hervorgebracht wird.
Der Satz „Der Mensch handelt nicht" ist wahr oder falsch unabhängig von jeglichem Geltungsanspruch. Die praxeologische Erwiderung verwechselt damit eine epistemische Bedingung — wer berechtigt ist, einen Anspruch zu erheben — mit einer semantischen Frage: ob ein Satz den Tatsachen entspricht. Beides ist strikt zu trennen.
Man sieht also, dass die Praxeologie keineswegs eine Wissenschaft wie Logik oder Mathematik ist, sondern vielmehr ein ideologisches Konstrukt, das erkenntnistheoretisch auf tönernen Füßen steht.
Im Rahmen des Eliminatorischen Naturalismus kann der Mensch nicht als handelndes Wesen konzipiert werden. Der Eliminatorische Naturalismus ist eine legitime philosophische Position. Deswegen sind Zweifel am praxeologischen Handlungsaxiom gerechtfertigt. Sind Zweifel gerechtfertigt, kann das Axiom nicht als synthetische Apriori aufgefasst werden. Deswegen ist die Praxeologie der Empirie nicht enthoben. Privateigentum lässt sich aus ihr auch nicht logisch ableiten.
@atiedtke1@OE_Veit Nein, die Aussage ist nicht modellfrei.
Es wird zumindest mal die Existenz und absolute gesellschaftliche Achtung von Privateigentum als gegeben angenommen.
Die Frage der Intelligenz und des Bewusstseins von KI ist ein NarzissmusTest für Intellektuelle. Er ist jedoch ungeeignet für Menschen, die das Staunen noch nicht verlernt haben.
@HansGresch Menschen fühlen, wenn Solidarität selektiv verteilt wird, Double standards. Grosszügig in die Ferne, knapp vor der eigenen Haustür. Wer das über Jahrzehnte erlebt, zieht irgendwann eigene Schlüsse.
@HansGresch Weil dort Menschen leben, die sich seit drei Jahrzehnten nicht repräsentiert, nicht gehört, nicht respektiert fühlen. Die AfD hat dieses Vakuum nicht geschaffen. Sie hat es nur besetzt. Wer das Symptom bekãmpft, ohne die Ursache zu berühren, wird wenig ausrichten.
@HansGresch Das ist ein Widerspruch aus Bequemlichkeit. Denn Taiwan ist weit weg. Die Ostdeutschen sitzen einem aber gegenüber. Und so schließt sich der Kreis zur AfD. Die Panik vor ihrer Regierungsbeteiligung lässt sich kaum diskutieren, ohne zu fragen, warum ist die AfD im Osten so stark?
@HansGresch Was Sie beschreiben, hat eine bittere Ironie, dieselben politischen Kräfte, die leidenschaftlich für das Selbstbestimmungsrecht Taiwans eintreten, für die kulturelle und politische Eigenständigkeit Israels, für das Recht kleiner Völker, sie selbst zu sein.
@HansGresch Diese Kräfte haben im eigenen Land eine bemerkenswert andere Philosophie walten lassen. Gegenüber Ostdeutschen galt häufiger, Angleichung oder Irrelevanz. Keine Neugier, kein Respekt vor gewachsenen Lebenswelten, kein echtes Zuhören.
Ob die Mehrheit der im Westen Verantwortlichen eine Wiedervereinigung tatsächlich beabsichtigte, mag bezweifelt werden. Eher scheint eine rasche Assimilation angestrebt worden zu sein. Dass sich die "vom Kommunismus Befreiten" mehrheitlich als derart "undankbar" erweisen würden, hatte man nicht vorhergesehen. Man glaubte wohl, die Ostdeutschen wären noch handzahmer als die damaligen Westdeutschen und hatte nicht bedacht, dass dies im Westen das Ergebnis Jahrzehnte langer Abrichtung war. Der Osten hatte Menschen sozialisiert, die mit dem Westen nicht vollständig kompatibel waren. Auch jenseits der politischen Sphäre waren Denk- und Verhaltensmuster, Erwartungen, Stereotype, Selbstverständlichkeiten in Ost und West unterschiedlich. Diese psychologischen Ebenen müssen aber halbwegs übereinstimmen, wenn sich Zusammenhalt und Vertrauen entwickeln soll. Dies begreifen unsere Politiker aber nicht, was sich bekanntlich auch im Bereich der Migration zeigt. Wir werden zunehmend ein mental zerrüttetes Volk.
Droht unserem Land tatsächlich der Untergang, wenn die AfD mehr Macht bekommt? Oder aber müssen nur gewisse Parteien einen Machtverlust füchten oder aber ist nur der Bestand gewisser Institutionen, die von diesen bedrohten Parteien aufrecht erhalten werden, in ihrem Bestand bedroht? Wird dem, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, die Antwort entzifferbar präsentiert, wenn er abends gemütlich auf dem Sofa sitzend, die Tüte mit den Chips vor sich, Pulle Bier dazu, den Öffentlich Rechtlichen Rundfunk einschaltet? Kurz: Schafft sich Deutschland durch Abschaffung des ÖRR ab - oder im Gegenteil durch dessen Beibehaltung. Und, ganz kühn, würde und nicht sogar eine journalistische Revolution im ÖRR vor der AfD bewahren: Weniger Tatort und Talkshows mit den üblichen Verdächtigen?