Die Ukraine Mitte 2026: Zwischen Aufschwung, Erschöpfung und Kriegsrealismus
Die aktuellen ukrainischen Erfolge im Luftkrieg gegen Russland haben für einen leichten Aufschwung in der Gesellschaft gesorgt. Auch Selenskyjs Umfragewerte steigen wieder. Jedoch überwiegt in der Ukraine ein gesunder Kriegsrealismus, während sich politisch im Land im ersten Halbjahr von 2026 doch vieles verändert hat. Es ist wieder Zeit für einen ultralangen Tweet mit meinen subjektiven Einschätzungen zum Stand der ukrainischen Politik und Gesellschaft nach 4,5 Jahren des vollumfänglichen Krieges.
1. Von einer guten Stimmung in der Ukraine kann zwar keine Rede sein. Das Kriegsende ist nicht in Sicht, die Generalmobilmachung geht weiter und es sterben jeden Tag Menschen. Dass die Ukraine den Luftkrieg immer stärker nach Russland selbst bringt und Erfolge bei der Isolierung der Krim hat, sorgt trotzdem für einen gewissen Aufschwung. Schaut man auf die Umfragen, gibt es wieder Menschen, die sagen, das Land entwickele sich in die richtige Richtung. Auch die Werte des Präsidenten Selenskyj steigen wieder. Was allerdings auch mit seinen öffentlichkeitswirksamen PR-Aktionen zu tun hat ("Erlaubnis", die Parade in Moskau durchzuführen, Brief an Putin etc.).
2. Die ukrainische Gesellschaft tickt allerdings im Großen und Ganzen (besonders jenseits der Social Media-Blasen) nicht im Universum der westlichen Schlagzeilen, in denen die Ukraine jede ein paar Monate entweder den Krieg gewinnt oder kurz vor Ende steht. Da jeder jemanden kennt, der im Fronteinsatz ist, weiß man auch auf der Privatebene, dass die ganzen groß aufgemachten Kehrtwenden mit der Realität vergleichsweise wenig zu tun haben. An der Front ist die Lage so, dass Russland größtenteils weiterhin sehr langsam vorankommt, zudem auch an wenigeren Abschnitten als etwa 2024 oder 2025. Die Erfolge der Ukraine im Bereich der sogenannten "Middle Strikes" sind bemerkenswert, aber es gibt auf der halbwegs seriösen Ebene keine Illusionen darüber, dass die Russen darauf keine Antwort findet werden. Die technologische Entwicklung ist ja in diesem Krieg ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel auf beiden Seiten. Den Menschen gibt es jedoch definitiv viel Kraft, dass die Ukraine auch nach 4,5 Jahren derart stark dagegenhalten kann.
3. Was explizit hier in Kyjiw zu beachten wäre, ist der veränderte Umgang der Menschen mit den Gefahren des Luftkrieges. Zwar ist die Hauptstadt spätestens seit Herbst 2022 das wichtigste Ziel der russischen Angriffe im Hinterland. Es gab natürlich ab und zu eine oder andere Unterbrechung, doch Kyjiw wird im Rahmen der russischen Möglichkeiten stets beschossen. Die letzten fünf größeren Angriffe haben sich allerdings explizit auf die Drei-Millionen-Stadt konzentriert. Das mathematische Ausmaß dieser Angriffe kann Russland nicht mehr in die Höhe treiben: Kyjiw wird fast mit allem beschossen, was Moskau rechtzeitig produzieren kann. Weil das Defizit der Flugabwehrraketen für Patriot-Systeme ein seriöses Problem ist, setzt der Kreml verstärkt auf ballistische Raketen, die mit anderen Mitteln kaum abgefangen werden können. Das Ergebnis: Mehr Einschläge kommen durch. Es gibt mehr Zerstörungen sowie Tote. Deswegen werden Luftalarme zuletzt deutlich ernster wahrgenommen. Bei den letzten drei Angriffen wurde immer wieder ein neuer "Rekord" bei der Anzahl der Menschen aufgestellt, die in der hiesigen U-Bahn übernachten. Es gibt jedoch unverändert auch viele Fatalisten, die es so nehmen wie es eben kommt. Das ist ebenfalls völlig verständlich, aber wohl nur für die, die sich hier ständig innerhalb der letzten Jahre aufhalten.
4. Weil es in den letzten Wochen richtig heiß wurde, sind Stromabschaltungen wieder in den Alltag zurückgekehrt (verstärkte Nutzung der Klimaanlagen und planmäßige Reparaturen bei Atomkraftwerken spielen hier neben den Folgen der russischen Angriffe eine zentrale Rolle). Allerdings bisher in einem sehr kleinen Ausmaß (meist abends zwischen etwa 17 und 22 Uhr). Ab morgen kühlt es sich für eine Weile wieder etwas ab. Die heißeste Phase des Sommers folgt aber noch und wir werden schauen, welche Auswirkungen es dann gibt. Der extrem heiße Juli 2024 war ja in Kyjiw äußerst problematisch. Die großen Sorgen darüber, dass Russland systematisch Kyjiws Wasserversorgungsinfrastruktur angreifen könnte, haben sich zum Glück bisher nicht bewahrheitet. Was jedoch nicht heißt, dass es nicht noch kommt. Die ganz großen Strom- und Heizungsprobleme werden aber logischerweise wieder im Winter erwartet. Die große Hoffnung ist diesbezüglich vor allem, dass es nicht derart heiß wie beim letzten Mal wird.
5. Das große Streitthema innerhalb der Gesellschaft bleibt die Mobilisierung. Insgesamt hat sich die Personalnot der ukrainischen Armee gefühlt etwas verkleinert. Dazu trägt auch die technologische Entwicklung bei. Auf der anderen Seite steigt die Anzahl der Fälle der Straßenmobilisierung bzw. der sogenannten "Bussifizierung" in Städten wie Kyjiw deutlich. Der neue Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow wurde öffentlich damit beauftragt, dieses Problem zu lösen und soll demnächst seine Vision der Reformierung der Arbeit der Einberufungsbüros vorstellen. Hinter verschlossenen Türen, auch im Verteidigungsausschuss des Parlaments, überwiegend Skepsis, ob da etwas unter Umständen des laufenden Krieges überhaupt grundlegend reformiert werden kann. Dieser Skepsis schließe ich mich eher an. Keiner sagt, dass ein Weiter so richtig wäre, gerade man die Korruptionsanfälligkeit der Einberufungszentren sowie die oft skandalösen Fälle der gewaltigen Mobilisierung auf der Straße anschaut. Mir fehlt jedoch die Fantasie, wie sich das Ganze in der aktuellen Situation quasi von heute auf morgen verändert werden kann.
6. Stichwort Fedorow. Die Ernennung des beliebten 35-jährigen Ex-Digitalministers, äußerst erfolgreich im vorigen Amt, war eine von zwei Personalentscheidungen Selenskyjs, die ihm verhalfen, die Korruptionsaffäre in seiner Umgebung Ende 2025 ziemlich locker zu überleben. Viele Fachleute hatten jedoch befürchtet, dass Fedorow, der gerne als großer Reformator auftritt, im chaotischen Bürokratieriesen gerade jetzt fehl am Platz ist. Insgesamt ist aber sein erstes Halbjahr im Amt als Erfolg zu bewerten. Vor allem hat Fedorow die Reform der Flugabwehr initiiert. Es wurde die sogenannte "kleine Flugabwehr" geschaffen, um das Abfangen von vergleichsweise billigen russischen Drohnen effizienter zu gestalten. Das hat zweifellos funktioniert. Die technologische Entwicklungen sowie der deutliche Fortschritt bei Einkäufen des aktuell wohl wichtigsten Ministeriums des Landes sind nicht von der Hand zu weisen.
7. Fedorow wurde aber zum ersten Mal mit Aufgaben beauftragt, die ihn automatisch bei vielen unbeliebt machen und die oft sowieso kaum lösbar sind. Neben der natürlichen Mobilisierungsproblematik geht es etwa um die allgemeine Armee-Reform. Es steht zum Beispiel außer Frage, dass Soldaten, die seit 2022 oder gar noch länger dienen, zumindest eine Auszeit verdient hätten. Die andere Seite ist jedoch die praktische Erfahrung dieses Krieges: Wenn eine erfahrene Einheit an der Front abgesetzt wird, entstehen ziemlich schnell entsprechende Lücken. Der bereits präsentierte Teil der Reform sieht unter anderem vor, dass Soldaten einen vergleichsweise gut dotierten Vertrag unterschreiben können und nach 14 Monaten Dienst mindestens ein halbes Jahr nicht wieder mobilisiert werden dürfen (beim direkten Fronteinsatz ist die Dauer der Auszeit länger). Theoretisch ist dies zumindest ein Licht am Ende des Tunnels für viele. Das ist aber einerseits nicht zwingen etwas, was einige Soldaten unter richtiger Demobilisierung verstehen. Anderseits sind die Quellen für die langfristige Finanzierung nicht ganz klar - und es gibt durchaus objektive Gründe für die Skepsis seitens des Generalstabs, der im Fall der Fälle die Soldaten irgendwie qualitativ ersetzen müsste. Beim Fedorows Vorhaben, 30 bis 50 Prozent der Stellen in den Sturmeinheiten zu besetzen, ist es ebenfalls unklar, ob es überhaupt realistisch ist und wie das Ganze finanziert werden soll. Zumal ein zu hoher Anteil der Ausländer in der Armee bei allen Vorteilen auch automatisch viele Risiken mit sich bringt.
8. Daher ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass im Hintergrund ein größerer Konflikt zwischen dem Minister Fedorow und der Armee-Führung tobt. Dieser war vorprogrammiert. Unter anderen Ministers diente das Ressort vor allem als Dienstleister des Generalstabs, der im Rahmen des Möglichen das erfüllte, was der Letztere wollte. Fedorow hat allerdings eigene Visionen und sogar einen eigenen "Kriegsplan". Hinzu kommt, dass es nicht mal ein offenes Geheimnis ist, dass Fedorow den Armee-Befehlshaber Syrskyj gerne loswerden würde. Dem Letzteren steht Selenskyj aber eindeutig bei. Die Beziehungen zwischen Selenskyj und Fedorow sollen sich sowieso etwas abgekühlt haben, heißt es im Hintergrund. Ursprünglich wollte der Präsident den 35-Jährigen zu seinem neuen Büroleiter befördern. Seine Reformideen schienen ihm am Ende wohl zu radikal. So muss der junge Minister nun die Realitäten der Politik auf dem harten Weg erlernen. Ganz einfach ist dieser tatsächlich nicht. Gegen den einst auch bei Selenskyj-Kritikern unumstrittenen Fedorow werden durchaus schmutzige Medienkampagnen geführt.
9. Die andere richtungsweisende Personalentscheidung Selesnkyjs war ganz am Anfang von 2026, den ebenfalls beliebten Chef-Militärgeheimdienstler Kyrylo Budanow zum Nachfolger des einst allgegenwärtigen und äußerst umstrittenen Leiter des Präsidialamtes Andrij Jermak zu machen. Budanow wurde schnell zum faktischen Chefunterhändler bei schwierigen Gesprächen mit den USA und Russland, ist zuletzt aber immer stärker auch für die Innenpolitik zuständig. Fakt ist, dass das Präsidentenbüro unter Budanow deutlich demokratischer wurde, wie das allgemeine Machtsystem Selenskyj in den letzten Monaten ebenfalls. Nicht nur sind gefühlt alle Prozesse nicht mehr an einer Person, Jermak, gebunden. Viel mehr Menschen haben nun direkten Zugang zu Selenskyj. Budanow hat zudem vergleichsweise hohes Ansehen bei der Opposition, mit der er vernünftig reden kann. Wie lange es noch gut geht, ist jedoch eine offene Frage. Budanow ist immer noch ein ziemlich fremdes Teil im persönlichen Team des Präsidenten, zumal jemand, der in allen Präsidentschaftsumfragen auf dem dritten Rang hinter Selenskyj und Ex-Armeechef Walerij Saluschnyj steht, automatisch eigene politische Ambitionen hat. Zudem ist nicht alles, was Budanow im Hintergrund umsetzt, unumstritten. Er gilt etwa als Hauptinitiator von mehreren Projekten, die letztlich zum laufenden Geschichtskonflikt mit Polen führten. Budanows zeitige Absetzung ist allerdings äußerst unwahrscheinlich - aus dem Grund der potenziellen politischen Konkurrenz, aber auch wegen der bloßen Tatsache, dass eine bereitstehende vernünftige Nachfolgekandidatur schlicht nicht existiert.
10. Die letzten Umfragen zeigen: Würden die Wahlen an diesem Sonntag stattfinden, würde Selenskyj den ersten Wahlgang gewinnen. In der Stichwahl verliert er jedoch knapp hinter Saluschnyj, der in seiner Rolle als Botschafter in London aus der aktuellen politischen Agenda etwas rausgefallen ist. Für Saluschnyj, der zuletzt Selenskyj gegenüber erklärt haben soll, er würde im Falle der Wahlen kandidieren, ist es aber nicht zwingend eine schlechte Sache. Denn unverändert weiß kein Mensch, wie dieser Krieg zu Ende geht. Es gibt jedoch weiterhin wenig Sinn, sich zu viele Gedanken über das Thema Wahlen zu machen. Aufgrund der gestiegenen Umfragewerte Selenskyjs haben wohl einige Menschen im Präsidentenbüro dazu bewegt, mit dem Thema Wahlen im Krieg noch einmal zu liebäugeln. Der letzte Beschuss von Kyjiw in der Nacht auf den 2. Juli mit mindestens 30 Toten hat aber wieder vor Augen geführt, warum die Wahlaustragung im Moment überhaupt nicht in Frage kommt.
11. Abschließend: Im Allgemeinen sieht das Hauptproblem der Ukraine folgendermaßen aus. Eigentlich hat Kyjiw einen Stand erreicht, der bei einer vernünftigeren russischen Staatsführung vielleicht sogar zu einem bloßen Waffenstillstand ausreichen würde. An der Front bleiben Durchbrüche in die eine oder andere Richtung extrem unwahrscheinlich. Zumal die technologische Entwicklung die Seite, die sich in der Defensive befindet, quasi bevorzugt und einige Personalprobleme ausgleicht. Im Hinterland steht zuletzt auch Russland immer stärker unter Druck. Zudem sind logistische Probleme rund um die Krim für Russland prinzipiell kaum zu lösen und werden immer wieder auftauchen. Unter diesen Umständen würde es für Russland eigentlich Sinn machen, vorerst auf die Pause zu drücken. Zumal sich im Falle eines Waffenstillstandes, der sich mehr oder weniger auf eine Waffenruhe beschränkt, und das ist das realistischste Szenario für irgendwann in der Zukunft, perspektivisch einige Möglichkeiten eröffnen könnten. Die Ukraine wird Wahlen austragen müssen, die Frage der Grenzöffnung für Männer wird heiß diskutiert, die unvermeidliche Ausreisewelle wird die Wirtschaft noch einmal hart treffen - und sowieso wird es schwierig sein, die ukrainische Armee für die "Runde drei" noch einmal zu mobilisieren. Da könnte man sich aus der zynischen russischen Perspektive bei allen Risiken auch für Moskau zurücklehnen und schauen, wie sich das Ganze in Wirklichkeit entwickelt. Das Problem bleibt: Wladimir Putin scheint in seiner eigenen Realität zu leben und besteht unverändert auf völlig absurden Vorbedingungen für einen Waffenstillstand, die der militärischen Realität nicht entsprechen. Daher hat die Ukraine keine andere Wahl, als so viel Druck wie möglich auf Russland auszuüben. Doch ob dieser am Ende ausreicht und die aktive Phase des Krieges nicht noch ein paar Jahre dauert, was leider durchaus wahrscheinlich ist, bleibt eine offene Schlüsselfrage. Eine Alternative zum aktuellen Vorgehen existiert aber nicht.
@joskee_josi Hatte auch mal ne kleine Festplatte. Eines Tages konnte man die Daten nicht mehr lesen. Deswegen habe ich dann das Geld zusammengekratzt. Aber ja. Billig ist das nicht.
😟 Nico Schlotterbeck hat sich beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste eine Innenbandverletzung im linken Sprunggelenk zugezogen.
Er wird sowohl dem DFB als auch Borussia Dortmund mehrere Monate fehlen.
Wir stehen an deiner Seite, Schlotti! 💛
@joskee_josi Nein und bei den vielen „Meinungsstarken“ blockst Du Dir die Finger wund. 🙂
Mein Hauptaccount ist auf BlueSky. Da ist die Stimmung entspannter.