Sie sitzt auf der Treppe, das Notizbuch auf den Knien.
Sie schreibt:
„Ich glaube, ich habe mein ganzes Leben versucht, aus mir einen Ort zu machen, an dem es für alle anderen schön ist.
Heute möchte ich wissen, wie es sich anfühlt, dort selbst zu wohnen.“
Dann sie blättert um.
Sie redet und redet, erzählt ihm Belanglosigkeiten. Ohne Punkt und Komma. Ohne Pointe. Es ist ihr ein Bedürfnis. Bevor sie ein Paar wurden, kannte er sie lange genug, er wusste, worauf er sich einließ und doch fühlt er sich nun um seine Zeit, um sein Leben betrogen.
"J’ai appris que l’amour peut arriver par surprise ou mourir en une nuit.
Que de grands amis peuvent devenir de parfaits inconnus, et qu’au contraire, un inconnu peut devenir un ami pour la vie.
Que le « jamais plus » n’arrive jamais et que » pour toujours » a une fin .
Que celui qui veut, peut et y arrive. Que celui qui prend des risques ne perd jamais rien, et que celui qui ne risque rien ne gagne jamais rien.
Que si on veut voir quelqu’un, il faut aller le chercher, car après c’est trop tard .
Qu’avoir mal est inévitable, mais que souffrir est en option, et surtout, j’ai appris que nier les choses les plus évidentes ne sert absolument a rien."
Elif Shafak
Als Kind waren wir im Sommer immer an der »Alten Wehr« schwimmen.
Es war nur eine bestimmte Stelle an einem Fluss. Das Wasser staute sich vor der Wehr, es gab einen Wasserfall und einen alten Betonschacht, durch den besonders Mutige kletterten. Und die Gerüchte unter uns sagten, dass genau hier zwei Freunde einmal den Fluss gestaut und alle Fische gestohlen hätten. Dadurch war dieser Ort spannender als jedes Freibad.
Schon der Weg dorthin erschien mir unendlich weit. Er führte durch Bäume und dichtes Unterholz, und je weiter wir gingen, desto mehr ließen wir die Welt unserer Eltern hinter uns.
Und der Fluss hätte aus der Welt von Lederstrumpf stammen können. Er war breit und unergründlich tief, die Strömung mächtig und die Alte Wehr ein gewaltiges Bauwerk, an dem wir ganze Sommertage verbringen konnten.
Viele Jahre später besuchte ich den Ort wieder und war enttäuscht.
Denn der lange Weg war plötzlich nur ein kleiner Spaziergang, der gewaltige Fluss kaum mehr als ein breiter Bach und das Wasser, das uns früher tief und gefährlich erschienen war, floss ruhig und gemächlich dahin.
Und die »Alte Wehr« war nur noch eine kleine Staumauer.
Seitdem ist mir das mit vielen Orten meiner Kindheit passiert. Mit meiner alten Schule. Mit einem Waldstück. Mit Straßen und Häusern, die in meiner Erinnerung viel größer sind, als sie in Wirklichkeit jemals waren.
Lange hielt ich das einfach für das gewöhnlich Spiel der Erinnerung. Heute glaube ich jedoch, dass noch etwas anderes dahintersteckt: Wir erinnern uns nicht an die Orte unserer Kindheit. Wir erinnern uns an uns selbst an diesen Orten.
Denn der Fluss war riesig, weil wir noch wenig von der Welt kannten. Der Weg war weit, weil unsere Welt noch so klein war. Und die Alte Wehr war ein Abenteuer, weil es damals noch nicht viel brauchte, damit etwas zu einem Abenteuer wurde.
Deshalb meide ich seit Jahrzehnten bewusst solche Orte. Das alte Gasthaus auf der Alm. Den geheimen Baum meiner Kindheit. Eine bestimmte Wiese. Ein altes Haus.
Sie müssen in meiner Erinnerung so groß bleiben dürfen, wie sie einmal waren.
Denn wenn ich sie heute wiedersehe und sie plötzlich schrumpfen, verliere ich nicht nur einen Ort meiner Kindheit. Sondern es würde auch ein Teil jener Welt verschwinden, in der ich damals gelebt habe.
Und damit ein Teil des Menschen, der ich einmal war.
Sie war hübsch und er machte sich Hoffnungen, Illusionen. Da ahnte er noch nichts von den rigiden Auswahlkriterien der Frauen, wusste er noch nicht, wo im Leben sein Platz war. Sein Glück, denn nach dem Schwelgen in Illusionen kam für ihn nicht mehr viel, im Grunde gar nichts.
Es ist seltsam, woran wir uns erinnern.
Ich weiß noch Dinge aus meiner Kindheit, die vollkommen bedeutungslos waren. Wie das Licht durch ein Fenster fiel. Wie ein Zimmer roch. Den Weg zu einem Haus, das es längst nicht mehr gibt. Eine Stimme aus dem Nebenzimmer, das Muster einer Tapete, oder einen Baum, an dem ich jeden Tag vorbeiging.
Nichts davon war damals wichtig.
Ich stand nicht vor diesem Baum und dachte, dass ich mich Jahrzehnte später an ihn erinnern würde. Ich versuchte nicht, mir das Licht in diesem Zimmer einzuprägen. Es waren einfach gewöhnliche Augenblicke eines normalen Tages.
Und trotzdem sind sie mir in Erinnerung geblieben.
Gleichzeitig habe ich vieles vergessen, das damals viel wichtiger erschien. Gespräche, auf die ich mich tagelang vorbereitet hatte. Geburtstage, Reisen, besondere Abende. Von manchen Jahren meines Lebens sind nur noch einzelne Bilder übrig, während irgendein belangloser Nachmittag plötzlich wieder vollkommen klar vor mir steht.
Unsere Erinnerung scheint ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
Sie fragt nicht danach, was wir für wichtig hielten. Sie sammelt Gerüche, Farben, Stimmen und winzige Augenblicke und trägt sie manchmal ein ganzes Leben mit sich.
Und irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges.
Der alte Baum ist nicht mehr irgendein Baum.
Das Licht im Zimmer ist nicht mehr irgendein Licht.
Der gewöhnliche Nachmittag ist nicht mehr irgendein Nachmittag.
Denn unsere Erinnerung bewahrt nicht einfach das auf, was wichtig war.
Manchmal werden die Dinge erst dadurch wichtig, dass wir uns an sie erinnern.
Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.
Theodor W. Adorno, Minima Moralia
@welt Da steigen dann die Mönche vom Berg Andechs herab und schupfen die Ungläubigen in den See - vor den Ausflugsdampfer - oder verprügeln Besucher mit Maßkrügen.