Ich habe schon lange das Gefühl, dass Leon Goretzka in seiner Jugend und frühen Profikarriere etwas falsch eingeschätzt – und möglicherweise auch falsch trainiert – wurde
Mit inzwischen 31 Jahren zeigt er als zentraler Mittelfeldspieler immer noch deutliche Schwächen: eine unbeständige Defensivdisziplin, mangelndes Raumgefühl ohne Ball und phasenweise eine fragwürdige Einsatzbereitschaft in der Defensive. Das fällt besonders auf, weil er eigentlich über hervorragende physische Voraussetzungen verfügt – Größe, Athletik und Ausdauer. In Nagelsmanns bevorzugtem 4-2-3-1 fällt es schwer, eine wirklich natürliche und starke Rolle für ihn zu erkennen. Für einen der beiden „Sechser“ fehlt ihm die defensive Zuverlässigkeit, als Zehner wiederum hat er nicht die durchgehende Kreativität und technische Finesse, um das Spiel zu dominieren
Ich glaube, das liegt teilweise an seiner Mentalität, aber auch an grundsätzlichen Fehlern bei der Scouting- und Entwicklungsarbeit. War er überhaupt jemals ein reiner Mittelfeldspieler? Er hatte schon immer starke Box-to-Box- und offensive Instinkte. In einem klassischen 4-3-3 – mit einem stabilen Sechser und einem weiteren energischen Mittelfeldspieler an seiner Seite – passt sein Profil als Achter/ Zehner-Hybrid deutlich besser
Interessanterweise kam Goretzka genau 2013 zum Durchbruch, mitten in der Hochphase des „False-9“-Trends. Es ist natürlich längst zu spät, aber ich habe mir immer gedacht, dass eine frühere Entwicklung zum hängenden Spitze (False 9) oder sogar zum klassischen Neuner hervorragend zu ihm gepasst hätte. Besonders in der deutschen Stürmerflaute zwischen 2017 und 2022, als man oft auf mobile, aber körperlich leichtere Spieler wie Timo Werner, Serge Gnabry oder Thomas Müller zurückgreifen musste. Ein großer, kopfballstarker und torgefährlicher Goretzka hätte damals eine wertvolle physische Präsenz im Sturmzentrum bieten können
Ich bin überzeugt, dass er weniger Kritik einstecken und möglicherweise sogar eine noch bessere Karriere hingelegt hätte, wenn man stärker auf seine Stärken als offensive Anspielstation gesetzt hätte, statt ihn in die Rolle des 6/8-Mittelfeldspielers zu pressen, in der seine defensiven Schwächen ständig auffallen
Diese Idee ist gar nicht so abwegig, wie sie auf den ersten Blick klingen mag. Die Fußballgeschichte ist voll von erfolgreichen Positionswechseln:
1) Ruud van Nistelrooy hat selbst gesagt, dass er als Zehner begonnen hat und erst mit 21 Jahren bei Heerenveen zum Mittelstürmer umgeschult wurde – wegen seiner Größe und seines Torriechs
2) Viele andere Weltklasse-Stürmer haben anders angefangen: Harry Kane, Robert Lewandowski, Robin van Persie, Alexander Meier, Luis Suarez, Thierry Henry, Pierre-Emerick Aubameyang und Samuel Eto’o starteten alle als offensive Mittelfeldspieler oder Flügelspieler, bevor sie als Stürmer richtig durchstarteten.
Wenn die physischen und mentalen Voraussetzungen stimmen, können solche Positionswechsel das volle Potenzial eines Spielers freisetzen. Bei Goretzka – mit seiner Größe, Kopfballstärke, wuchtigen Schüssen und der Neigung, spät in den Strafraum zu kommen – hätte eine frühere Umorientierung auf eine offensivere Rolle ein echter Gamechanger sein können @leongoretzka_@DFB_Team@knappenschmiede@VfLBochum1848eV