Der Spaziergänger: Die Kuppel
Mein Panamahut hat einen schmalen, dunklen Schweißrand bekommen, einen ledrigen Schatten an der Innenseite des Bandes, der ihn endlich aussehen läßt wie einen Hut, der etwas erlebt hat. Bis vor zwei Wochen war er ein Schaufensterobjekt, jetzt ist er Geschichte. Ich setze ihn auf, schiebe die Sonnenbrille zurecht, knöpfe das Leinenhemd eine weitere Stufe auf und trete in die Helligkeit. Es ist halb zehn, die Luft riecht nach heißem Asphalt und verbrannter Erde, und für einen Moment stehe ich in der Tür wie jemand, der vergessen hat, in welcher Stadt er eigentlich lebt...
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Der Freytag: Das beredte Verstummen - zum 120. Geburtstag von Wolfgang Koeppen
Drei Romane genügten Wolfgang Koeppen, um die deutsche Nachkriegsliteratur neu zu vermessen. Danach schwieg er fast vierzig Jahre. War das ein Scheitern – oder sein letztes, größtes Werk?
Der Verleger wartet
Es gibt in der deutschen Literatur ein Buch, das niemals geschrieben wurde und von dem man dennoch ein Leben lang gehört hat. Über vierzig Jahre hinweg wartete der Verleger Siegfried Unseld auf das Manuskript, das ihm Wolfgang Koeppen versprochen hatte. Er schickte Vorschüsse, er schickte Bitten, er reiste an, er drohte sanft und schmeichelte beharrlich; gesammelt füllt der Briefwechsel zwischen den beiden einen ganzen Band, dem die Herausgeber den Titel „Ich bitte um ein Wort…" gaben. Das Wort kam nicht. Oder vielmehr: Es kam in homöopathischen Dosen, ein Reisebericht hier, ein autobiografisches Fragment dort, und immer mit der Aura des Vorläufigen, des Beinahe, der großen Sache, die gleich, ganz gleich beginnen werde. Koeppen, der mit drei Romanen einer der bedeutendsten Erzähler seiner Epoche geworden war, wurde in seiner zweiten Lebenshälfte berühmt für etwas, das vor ihm kein Schriftsteller je zur Kunstform erhoben hatte: für das, was er nicht schrieb.
Am vergangenen Dienstag jährte sich sein Geburtstag zum hundertzwanzigsten Mal. Es ist ein guter Anlass, die Frage zu stellen, die seine Leser seit einem halben Jahrhundert umtreibt: War dieses Schweigen ein Versagen – oder die letzte, konsequenteste Geste eines Mannes, der das Misstrauen gegen die eigene Sprache nie verloren hatte? Wer ihr nachgehen will, muss zurück an den Anfang, in eine pommersche Hafenstadt und in Verhältnisse, die den Außenseiter schon vor dem ersten Satz geprägt haben...
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