DIE STILLE NACH DEM TERROR IST DER EIGENTLICHE SKANDAL
Am 3. Januar 2026 wurde mitten im Winter die Stromversorgung im Südwesten Berlins angegriffen. Bei Minusgraden saßen rund 45.000 Haushalte plötzlich ohne Strom und Heizung da. Hinzu kamen etwa 2.000 Gewerbebetriebe, Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen, Ampeln, Straßenbeleuchtung und Teile des öffentlichen Nahverkehrs.
Alte Menschen mussten aus Pflegeeinrichtungen gebracht werden. Kranke waren auf Notstrom angewiesen. Familien verließen ihre kalten Wohnungen und suchten bei Bekannten, in Hotels oder Notunterkünften Schutz. Zehntausende Bürger erlebten innerhalb weniger Stunden, wie dünn die schützende Hülle einer modernen Großstadt tatsächlich ist.
Das war keine Protestaktion. Das war keine freche Form des zivilen Ungehorsams. Das war ein gezielter Anschlag auf die Lebensadern einer Millionenstadt.
Eine sogenannte Vulkangruppe bekannte sich zu der Tat. Ob hinter diesem Namen eine feste Organisation, mehrere wechselnde Kleingruppen oder ein loses Netzwerk stehen, ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Auch die konkrete Urheberschaft bleibt Gegenstand der Ermittlungen. Sicher ist jedoch: Die Kabel brannten nicht von allein. Die Stromversorgung wurde bewusst sabotiert, und die Täter nahmen lebensgefährliche Folgen für vollkommen unbeteiligte Menschen billigend in Kauf.
Anfangs gab es die üblichen Reaktionen. Politiker zeigten sich erschüttert. Es wurde verurteilt, versprochen und der Rechtsstaat beschworen. Im Bundestag kam es sogar zu einer Debatte. Danach setzte ein, was dieses Land inzwischen beinahe perfektioniert hat: das große Vergessen.
Der Rauch war verzogen, der Strom wieder da, die Kameras abgebaut – und damit verschwand auch der politische Wille, sich ernsthaft mit der linksterroristischen Bedrohung zu beschäftigen.
Genau diese Stille ist der Skandal.
Seit 2011 werden unter dem Namen verschiedener Vulkangruppen Anschläge auf Bahnstrecken, Stromleitungen, Kabelschächte, Datenverbindungen und Unternehmen verübt. Das Tesla-Werk in Grünheide wurde 2024 durch einen Brandanschlag zeitweise lahmgelegt. Gemeinden verloren ihre Stromversorgung, die Produktion stand still, Schäden in Millionenhöhe entstanden. Trotzdem gelang es den Ermittlern über Jahre hinweg nicht, die Strukturen offenzulegen und die Täter zu fassen.
Was muss eigentlich noch passieren?
Müssen erst Menschen in einem ausgefallenen Krankenhaus sterben? Muss bei Frost ein Pflegeheim vollständig evakuiert werden? Muss ein großflächiger Stromausfall Wasserwerke, Notrufsysteme oder Kommunikationsnetze gleichzeitig treffen, bevor Regierung und Behörden begreifen, dass hier nicht ein paar verwirrte Aktivisten mit Streichhölzern unterwegs sind?
Diese Täter wissen genau, was sie tun. Sie suchen gezielt verwundbare Stellen aus, bereiten ihre Anschläge konspirativ vor und hinterlassen kaum verwertbare Spuren. Mit relativ einfachen Mitteln richten sie enorme Schäden an. Dazu veröffentlichen sie ideologische Rechtfertigungsschriften, in denen sie sich selbst zu Vollstreckern einer angeblich höheren Moral erklären.
Das ist die Sprache politischer Fanatiker.
Wer Kraftwerke, Strommasten oder Kabeltrassen anzündet, führt keinen Diskurs über Klimapolitik. Er zwingt der Gesellschaft seine Vorstellungen mit Gewalt auf. Ob dabei geschossen, gesprengt oder Feuer gelegt wird, ändert am Prinzip nichts. Die Botschaft lautet immer: Wir entscheiden, welche Infrastruktur bestehen darf. Wir entscheiden, welches Unternehmen produzieren darf. Wir entscheiden, welche Bürger als hinnehmbarer Kollateralschaden gelten.
Besonders widerwärtig war die soziale Selbstgerechtigkeit, die aus dem Bekennerschreiben zum Berliner Anschlag sprach. Angeblich habe man vor allem wohlhabende Stadtteile treffen wollen. Bei weniger wohlhabenden Betroffenen entschuldigte man sich gönnerhaft für die Folgen.
Als würde der Kontostand darüber entscheiden, ob ein Mensch im Januar frieren darf.
Als würde im Pflegeheim zunächst geprüft, ob ein Bewohner eine Villa besitzt, bevor das Beatmungsgerät ausfällt.
Als wäre der Krankenpfleger, die Verkäuferin oder der Rentner bloß statistischer Ausschuss eines selbst ernannten revolutionären Gerichts.
Diese Menschenverachtung trägt heute ein grünes Mäntelchen, spricht vom Klima, vom Kapitalismus und von der Rettung der Erde. Doch unter dem ideologischen Lack steckt derselbe totalitäre Größenwahn, der politische Gewalt schon immer begleitet hat: Die eigene Sache gilt als so heilig, dass das Leben und die Freiheit anderer nichts mehr zählen.
Der Begriff „RAF 2.0“ ist deshalb nicht völlig aus der Luft gegriffen. Trotzdem wäre es falsch, einfach eine Kopie der alten RAF zu behaupten. Die neuen Strukturen funktionieren anders. Es gibt offenbar keine öffentlich erkennbare Führung, keine bekannte Kommandoebene und keine klar abgegrenzte Organisation. Die heutige Gefahr geht eher von kleinen, abgeschotteten Zellen und wechselnden Zusammenschlüssen aus, die sich über gemeinsame Feindbilder und Aktionsformen verbinden.
Gerade das macht sie so gefährlich.
Die RAF wollte mit spektakulären Morden den Staat herausfordern. Die neuen Linksterroristen können mit billigen Brandsätzen und technischem Wissen ganze Stadtteile lahmlegen. Sie müssen keine Minister entführen, um Angst zu verbreiten. Es genügt, wenn sie an der richtigen Stelle ein Kabel anzünden.
Eine verletzliche, digitalisierte Gesellschaft bietet ihnen unzählige Ziele. Strom, Wasser, Bahn, Telekommunikation, Rechenzentren und Industrieanlagen sind voneinander abhängig. Wer an einem einzigen neuralgischen Punkt zuschlägt, kann Kettenreaktionen auslösen, deren Folgen weit über den eigentlichen Tatort hinausreichen.
Und der Staat? Er wirkt erschreckend hilflos.
Seit Jahren kennt man die Bekennerschreiben, die ideologische Sprache und die bevorzugten Ziele. Seit Jahren wird ermittelt. Seit Jahren fehlen entscheidende Durchbrüche. Die Täter können daraus nur einen Schluss ziehen: Ihr Risiko ist überschaubar, ihre Wirkung gewaltig.
Gleichzeitig erleben die Bürger eine groteske politische Schieflage. Wegen scharfer Worte im Internet werden Meldestellen aufgebaut, Programme finanziert und öffentlichkeitswirksame Kampagnen gestartet. Politiker erklären jede unangenehme Meinungsäußerung zum Angriff auf die Demokratie. Doch wenn Linksextremisten tatsächlich kritische Infrastruktur angreifen und Zehntausende Menschen in Gefahr bringen, hält die Empörung kaum länger als der Stromausfall.
Natürlich haben Politiker den Anschlag verurteilt. Natürlich haben Behörden Ermittlungen eingeleitet. Von völliger Untätigkeit kann keine Rede sein. Aber Verurteilungen, Sondersitzungen und warme Worte ersetzen keine Ergebnisse. Entscheidend ist, ob Täter identifiziert, Unterstützerstrukturen aufgedeckt, Plattformen für Bekennerschreiben beobachtet und lebenswichtige Anlagen endlich wirksam geschützt werden.
Daran muss sich der Staat messen lassen.
Ebenso muss über das politische Umfeld gesprochen werden, ohne jeden linken Aktivisten pauschal zum Terroristen zu erklären. Friedlicher Protest ist legitim. Radikale Kritik ist erlaubt. Auch eine fundamental falsche Meinung bleibt von der Meinungsfreiheit geschützt.
Doch zwischen Protest und Sabotage verläuft eine klare Grenze. Wer diese Grenze mit Brandsätzen überschreitet, ist kein Aktivist mehr. Wer Anschläge entschuldigt, verharmlost oder romantisiert, schafft den geistigen Rückraum, in dem sich Täter bestätigt fühlen. Und wer aus ideologischer Nähe wegschaut, macht sich politisch mitschuldig an der Verharmlosung.
Es braucht keine Gesinnungsjustiz. Es braucht einen Rechtsstaat, der endlich hinsieht.
Der Schutz kritischer Infrastruktur darf nicht länger aus Broschüren, Arbeitskreisen und Ankündigungen bestehen. Gefährdete Knotenpunkte müssen technisch gesichert, redundante Versorgungswege geschaffen und Katastrophenschutzpläne praktisch erprobt werden. Ermittlungsbehörden brauchen Personal, Fachwissen und eine bundesweit abgestimmte Strategie gegen klandestine linksextreme Zellen.
Vor allem aber braucht dieses Land denselben politischen Maßstab für jeden Extremismus.
Terror bleibt Terror, auch wenn der Täter behauptet, das Klima retten zu wollen. Gewalt bleibt Gewalt, auch wenn das Bekennerschreiben mit den richtigen Modebegriffen dekoriert wird. Und Menschenverachtung bleibt Menschenverachtung, selbst wenn sie sich hinter Solidarität, Antikapitalismus und Weltrettungsfantasien versteckt.
Die Täter von Berlin haben nicht nur Kabel angezündet. Sie haben der Republik vorgeführt, wie leicht ihre Lebensadern getroffen werden können. Noch beunruhigender ist jedoch die Botschaft, die ihnen das anschließende Schweigen vermittelt:
Ihr könnt zuschlagen. Ihr könnt Zehntausende Menschen frieren lassen. Ihr könnt Krankenhäuser und Pflegeheime gefährden. Nach einigen Tagen wird sich die Politik wieder anderen Empörungsritualen zuwenden.
Diese Botschaft ist eine Einladung zum nächsten Anschlag.
Wer jetzt weiter schweigt, darf beim nächsten Mal nicht behaupten, niemand habe die Gefahr kommen sehen.
MERZ VERTRÄGT KEINE BÜRGERKRITIK – DIESER KANZLER SOLLTE ZURÜCKTRETEN
Friedrich Merz hat wieder einmal gezeigt, wie er wirklich reagiert, wenn Bürger nicht ehrfürchtig nicken, sondern ihm unangenehme Fragen stellen. Solange ein Gespräch nach den Regeln des Kanzleramts läuft, solange ein Moderator Stichworte liefert und solange Kritik in sterile Höflichkeitsformeln verpackt wird, gibt sich Merz gern als souveräner Staatsmann. Doch sobald ihm ein Bürger offen widerspricht, fällt die Fassade. Dann wird aus dem angeblich entschlossenen Regierungschef binnen Sekunden eine beleidigte Leberwurst, die nicht mehr über die Sache sprechen will, sondern sich selbst zum Opfer erklärt.
Genau dieses Schauspiel war nun erneut im Fernsehen zu beobachten. In der RTL-Sendung „Am Tisch mit Friedrich Merz“ konfrontierte die Kinderärztin Dr. Maria Bea Merscher den Bundeskanzler mit den Folgen der Gesundheitspolitik für Kinder und Familien. Sie sprach von Gesetzen, die sie für menschenverachtend und zerstörerisch hält, warnte vor einem Kliniksterben und stellte die schärfstmögliche politische Frage: Warum brechen Sie Ihren Amtseid?
Das war hart. Das war angriffslustig. Und ja, der Vorwurf eines vorsätzlichen Bruchs des Amtseids geht sehr weit. Aber genau für solche Situationen sitzt ein Bundeskanzler in einer Sendung mit Bürgern. Er ist dort nicht eingeladen, um sich beklatschen zu lassen. Er sitzt dort, weil Menschen das Recht haben, ihn mit den Folgen seiner Politik zu konfrontieren. Ein Regierungschef muss eine solche Attacke aushalten, den Vorwurf Punkt für Punkt widerlegen und erklären, warum seine Entscheidungen richtig sein sollen. Dafür trägt er Verantwortung. Dafür besitzt er Macht. Dafür erhält er seine Amtsbezüge.
Merz aber tat wieder das, was er offenbar am besten kann: Er machte die Kritik an seiner Politik zu einer Kränkung seiner Person. Plötzlich ging es nicht mehr um kranke Kinder, überlastete Kliniken, Ärzte unter Druck oder Familien, die sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen. Plötzlich ging es um Friedrich Merz. Um seine Gefühle. Um seine angebliche Herabsetzung. Um den „harten Tobak“, den der mächtigste Mann im Staat nicht hinnehmen wollte.
Das ist der eigentliche Skandal dieses Auftritts. Nicht, dass eine Kinderärztin ihre Kritik mit maximaler Schärfe formuliert. Sondern dass der Bundeskanzler die Bühne nutzt, um die Bürgerin abzukanzeln, statt sich der politischen Substanz ihres Vorwurfs zu stellen. Die Ärztin hatte Gesetze und deren Folgen angegriffen. Merz reagierte, als habe sie ihm auf dem Schulhof die Ehre abgeschnitten. So verhält sich kein souveräner Kanzler. So verhält sich ein Mann, der Widerspruch persönlich nimmt, weil er politische Autorität mit persönlicher Unantastbarkeit verwechselt.
Man kann die Formulierung der Ärztin für überzogen halten. Man kann ihren Vorwurf zurückweisen. Man kann sogar sehr deutlich widersprechen. Aber dann muss die Antwort lauten: Diese konkreten Maßnahmen sichern die Versorgung, diese Einsparungen treffen nicht die Kinder, diese Kliniken werden geschützt, diese Fehlanreize werden beseitigt. Zahlen, Entscheidungen, Verantwortung. Genau darum hätte es gehen müssen. Stattdessen bekam das Publikum eine Empörungsrede des Kanzlers über den Ton seiner Kritikerin.
Immer dasselbe Muster. Bürger schildern Sorgen. Merz hört einen Angriff auf sich. Bürger sprechen über ihre Lebenswirklichkeit. Merz belehrt sie über die Zulässigkeit ihrer Worte. Bürger erwarten Antworten. Merz verteilt Rügen.
Schon beim Bürgerdialog in Salzwedel zeigte sich diese erschreckende Unfähigkeit zur menschlichen und politischen Souveränität. Eine schwer an Krebs erkrankte Frau konfrontierte ihn mit ihren Ängsten, mit den Belastungen im Gesundheitssystem und mit der Frage, warum bei den Bürgern gespart werde. Sie sprach sogar von ihrer eigenen Beerdigung. Was hätte ein Kanzler in diesem Moment tun müssen? Zunächst zuhören. Dann Anteilnahme zeigen. Danach sachlich erklären, was stimmt und was nicht stimmt.
Merz konzentrierte sich stattdessen auf eine aus seiner Sicht falsche Behauptung und wies die Frau schroff zurecht. Wieder war der Bürger nicht Gesprächspartner, sondern Störfaktor. Wieder ging es nicht zuerst um die Not eines Menschen, sondern um die Verteidigung des Kanzlers. Wieder zeigte sich diese kalte Mischung aus Dünnhäutigkeit und Überheblichkeit, die inzwischen zum Markenzeichen seiner öffentlichen Auftritte geworden ist.
Ein Bundeskanzler darf widersprechen. Selbstverständlich. Er muss sich auch keine falschen Tatsachen unterstellen lassen. Aber die entscheidende Frage lautet, wie er widerspricht. Wer einem schwer kranken Menschen oder einer besorgten Kinderärztin gegenübersteht, sollte begreifen, dass politische Führung mehr verlangt als Rechthaberei. Ein Kanzler braucht Selbstbeherrschung, Empathie und die Fähigkeit, selbst ungerechte Kritik auszuhalten, ohne den Bürger vor laufender Kamera zum Problem zu erklären.
Merz fehlt offenbar genau diese Größe. Er will den Respekt des Amtes, zeigt aber zu wenig Respekt vor denen, von denen dieses Amt seine demokratische Legitimation erhält. Er erwartet Mäßigung von Bürgern, während seine Regierung tief in deren Alltag eingreift. Er verlangt einen höflichen Ton, während Familien steigende Belastungen, schlechtere Versorgung und politische Unsicherheit erleben. Und wenn der aufgestaute Frust dann ungefiltert bei ihm ankommt, reagiert er nicht wie ein Regierungschef, sondern wie ein gekränkter Vorstandsvorsitzender, dem ein Untergebener widersprochen hat.
Vielleicht liegt genau darin das Grundproblem von Friedrich Merz. Er scheint Bürgerdialog mit einer Vorstandssitzung zu verwechseln. Oben sitzt der Chef, unten dürfen Fragen gestellt werden, solange sie den Chef nicht verärgern. Doch Deutschland ist kein Konzern und der Bundeskanzler ist nicht der Eigentümer des Landes. Die Bürger sind auch keine Bittsteller, die dankbar sein müssen, wenn ihnen einige Minuten Redezeit gewährt werden. Sie sind der Souverän. Merz ist ihr Regierungschef auf Zeit. Nicht mehr und nicht weniger.
Wer das vergisst, hat im Kanzleramt nichts verloren.
Besonders dreist ist die Umkehrung der Rollen. Die Regierung beschließt, kürzt, belastet und priorisiert. Die Bürger tragen die Folgen. Wenn sie dagegen protestieren, erklärt ausgerechnet der Mann mit der größten politischen Macht, er sei persönlich herabgesetzt worden. Damit lenkt Merz die Debatte weg von seiner Verantwortung und hin zu seiner Befindlichkeit. Aus dem Verantwortlichen wird das Opfer, aus dem besorgten Bürger der Angreifer. Das ist bequem. Aber es ist eines Bundeskanzlers unwürdig.
Politik ist kein Wellnessbereich für empfindliche Amtsträger. Wer Kanzler sein will, muss Kritik ertragen können, auch zugespitzte, ungerechte und verletzende Kritik. Er muss die Ruhe behalten, wenn andere sie verlieren. Er muss überzeugen, wenn Bürger wütend sind. Er muss Vertrauen schaffen, wenn Zweifel wachsen. Genau darin zeigt sich Führung. Nicht in vorbereiteten Reden, nicht in glattgezogenen Pressebildern und nicht in selbstgefälligen Erklärungen darüber, welche Kritik noch erlaubt sein soll.
Friedrich Merz scheitert an diesem Maßstab immer wieder. Nicht nur kommunikativ, sondern charakterlich im politischen Sinne. Denn seine Reaktionen offenbaren ein Amtsverständnis, in dem Kritik von unten schnell als Zumutung gilt. Wer ihm widerspricht, bekommt keine überzeugende Antwort, sondern eine Standpauke. Wer seine Entscheidungen moralisch angreift, erlebt einen Kanzler, der beleidigt zurückschlägt. Wer eine persönliche Not schildert, muss damit rechnen, öffentlich korrigiert zu werden, bevor auch nur ein Funken Mitgefühl sichtbar wird.
Deutschland braucht in schwierigen Zeiten einen Regierungschef, der Spannungen aushält. Einen Kanzler, der zuhört, bevor er urteilt. Einen Kanzler, der Verantwortung übernimmt, statt ständig die Empfindlichkeit des eigenen Egos zum Mittelpunkt zu machen. Merz zeigt bei direkten Begegnungen mit Bürgern immer deutlicher, dass er diese Voraussetzungen nicht erfüllt.
Der erneute Auftritt bei RTL war deshalb mehr als ein missglückter Wortwechsel. Er war ein weiteres Symptom eines grundlegenden Problems. Dieser Kanzler versteht Kritik nicht als demokratische Kontrolle, sondern zu oft als persönliche Respektlosigkeit. Er spricht gern über Verantwortung, doch wenn Bürger ihn konkret zur Verantwortung ziehen, wird er dünnhäutig. Er verlangt Vertrauen, reagiert aber auf Misstrauen mit Tadel. Er will führen, kann aber offenbar nicht zuhören.
Das Land kann sich keinen Kanzler leisten, der bei jedem Gegenwind zuerst seine gekränkte Ehre verteidigt. Die Bürger haben ein Recht auf Antworten. Sie haben ein Recht auf Respekt. Und sie haben ein Recht auf einen Regierungschef, der ihnen nicht bei jeder unbequemen Begegnung erklärt, dass ihre Kritik zu weit gehe.
Friedrich Merz sollte daraus die einzig angemessene Konsequenz ziehen und schnellstmöglich zurücktreten. Nicht weil Bürger immer recht haben. Nicht weil jede Anschuldigung gerechtfertigt ist. Sondern weil ein Bundeskanzler die Pflicht hat, selbst dort Haltung zu zeigen, wo andere überziehen. Merz zeigt stattdessen immer wieder Kränkung, Kälte und Überheblichkeit.
Wer Bürgerkritik nicht erträgt, darf kein Bürgerkanzler spielen. Wer den Souverän belehrt, statt ihm zuzuhören, hat den Sinn seines Amtes nicht verstanden. Und wer bei jeder harten Frage wie eine beleidigte Leberwurst reagiert, ist für das Kanzleramt schlicht nicht geeignet.
Herr Merz, treten Sie zurück. Deutschland braucht keinen Kanzler, der vor allem sich selbst verteidigt. Deutschland braucht eine Regierung, die endlich wieder die Bürger verteidigt.