Irgendwann müssen der Bundestrainer, die Jugendnationaltrainer, die Verantwortlichen in den NLZs und an den DFB-Stützpunkten anfangen, Spieler anders zu betrachten. Wir priorisieren saubere Pässe und Annahmen, hohe Pressingintensität sowie ein starkes taktisches Verständnis für Positionierung und Laufwege. Das sind wichtige Eigenschaften – und das deutsche System hat dadurch jahrelang technisch versierte, intelligente Fußballer hervorgebracht. Die jüngsten DFB-Reformen im Kinder- und Jugendbereich mit mehr Fokus auf kleinfeldige Formate wie Funino und höherer individueller Ballkontaktzeit zielen auf mehr Kreativität und Spielfreude ab. Dennoch bleibt ein grundlegendes Problem im deutschen Fußball insgesamt – und besonders im Jugendbereich: eine extreme Überbetonung eines einzigen Aspekts bei gleichzeitiger Vernachlässigung aller anderen.
Positions- und Passspiel sind wichtig. Wenn jedoch Auswahl und tägliches Training fast ausschließlich darum kreisen, werden Talente mit anderen Stärken schon früh aussortiert – auch in jüngeren Jahrgängen. Das Ideal wäre der Komplettpaket-Spieler: technisch stark, athletisch und physisch robust. In der Praxis bekommen viele große Spieler (ab 190 cm), die grundlegende athletische Voraussetzungen erfüllen, trotzdem dasselbe Programm aus Rondos, Passübungen und Kleinfeldspielen verpasst, statt gezielt an Zweikampfverhalten, Ballbehauptung und Rücken-zum-Tor-Spiel zu arbeiten.
Wir produzieren gute Spieler – aber meist in einem sehr engen Profil, vor allem als Zehner oder offensive Mittelfeld-Hybride. Die jahrelange Dominanz von Kleinfeld und Rondo belohnt naturgemäß die technisch sauberen Pass- und Bewegungsspieler. Viele Top-Talente, darunter Wirtz, Musiala oder der frühe Havertz, kamen genau so heraus. Manche schaffen die Umstellung: Havertz hat vor allem in der Premier League an Physis, Ballbehauptung und Kopfballstärke zugelegt und ist keineswegs der begrenzte Mittelstürmer, als der er manchmal dargestellt wird. Andere wie Woltemade zeigen ähnliche Ansätze. Historisch haben viele große Stürmer wie Harry Kane, Thierry Henry, Robin Van Persie, Pierre Aubameyang, Ruud van Nistelrooy, Samuel Eto’o oder Robert Lewandowski ihre Karriere im Mittelfeld oder auf den Flügeln begonnen
Das Problem entsteht, wenn das System hauptsächlich Zehner produziert und auf späte Anpassungen setzt. Manche werden zu guten Falschen Neunen oder Flügelspielern, doch vielen fehlt die natürliche Explosivität oder Physis für diese Rollen. Andere wechseln ins defensive Mittelfeld, wie Kroos oder Nmecha.
Warum entwickeln wir nicht konsequent natürlich geeignete Flügelspieler oder echte Mittelstürmer? Ein Spieler wie Havertz kann nicht dafür kritisiert werden, dass ihm der reine Torinstinkt fehlt, wenn sein Training in jungen Jahren nie die spezifischen Elemente eines klassischen Neuners – wie Rücken-zum-Tor-Arbeit, Zweikampf unter Druck oder klinische Abschlüsse – in den Mittelpunkt gestellt hat.
Im modernen Fußball braucht man weiterhin Torschützen, die in kompakten, physischen und „dreckigen“ Situationen im letzten Drittel den Unterschied machen. Die jahrzehntelange Ausrichtung auf Rondo-basierte Auswahl hat Generationen von Pass-and-Move-Technikern hervorgebracht, die später auf andere Positionen umgeschult werden. Kleinfeldspiele helfen bei direkten Duellen, decken aber bei weitem nicht das gesamte Anforderungsprofil jeder Position ab.
Besonders deutlich wird das beim Mittelstürmer. Kaum eine Position verlangt so häufig Spiel mit dem Rücken zum Tor gegen große, zweikampf- und kopfballstarke Innenverteidiger. Stürmer brauchen physische Präsenz in Duellen, Kopfballgewinne, andere Laufwege, beidfüßige Abschlüsse, Volleys und gutes Wandspiel in engen Räumen. Allgemeines Rondo- und Kleinfeldtraining kann davon nur einen kleinen Teil abdecken. Selbst bei Top-Vereinen reicht es oft nicht: Ein junger Stürmer-Talent von Bayern München berichtete, dass es bei ihnen nur einmal pro Woche spezifisches Stürmertraining gibt – besser als bei den meisten anderen Akademien und NLZs, aber immer noch viel zu wenig.
Talente aus Nürnberg und vom VfB Stuttgart erzählten Ähnliches: Sie bekommen Kopfbälle fast ausschließlich im Rahmen von Standardsituationen trainiert. Das ist bei weitem nicht ausreichend, um echte Mittelstürmer-Talente zu entwickeln.
Wir brauchen gezielte positionspezifische Programme und deutlich mehr individuelles Training außerhalb der Mannschaftseinheiten, um diese spezifischen Fähigkeiten systematisch aufzubauen.
Wenn wieder ein echtes Top-Talent wie Lennart Karl, Wael Mohya oder Mike Fahrenkamp auftaucht, ist das erfreulich. Wir brauchen aber auch echte Vielfalt – unterschiedliche Profile und Charaktere im Kader.
Vielversprechende junge Mittelstürmer wie Salim Musah (Werder Bremen), Max Moerstedt (Hoffenheim), Vedad Turbic und Bastian Assomo (beide Bayern), Jykese Fields (Hoffenheim), Luis Forestier (Magdeburg), John Davis Meyer (Karlsruhe) , Adin Delic (Vfb Stuttgart), Niklas Hildebrandt (Hertha) oder Lasse Eickel (Paderborn) zeigen mit ihren jeweiligen Stärken bereits interessante Ansätze.
Eine wichtige Mahnung an alle diese und künftigen Talente: Das reine NLZ-Training im Verein reicht in den meisten Fällen nicht aus, um einen echten Profi-Mittelstürmer zu formen. Sie brauchen zusätzliche Spiele gegen ältere oder physisch stärkere Gegner und gezielte individuelle bzw. positionspezifische Einheiten jenseits des Standardprogramms.
Der deutsche Fußball hat unbestreitbare Stärken in Technik und taktischem Verständnis. Um auf Dauer wieder konstant auf höchstem Niveau mitzuhalten, müssen wir die Entwicklungswege verbreitern, unterschiedliche Attribute früher wertschätzen und aufhören, alle Spieler gleich zu trainieren in der Erwartung, sie könnten später überall spielen. Nur so entstehen Kader mit der vollen Bandbreite an Dynamiken, die der moderne internationale Fußball verlangt.
Langsam merken auch die letzten, dass Boni Verhandlungen in 13 Tagen nicht sein kann. Mittlerweile gehe ich von einem PL Wechsel aus, Bayern zahlt nicht #SGE