Vor ein paar Tagen lernte ich einen Mann kennen, der behauptete, vor zwei Jahren afghanischer Kommunikationsminister gewesen zu sein. Ich fragte, was er in #Leipzig mache. „Ich fahre für Lieferando Essen aus.“
Ja, die gestrigen Spekulationen zur Herkunft des Leipziger Amokfahrers aufgrund seines Vornamens offenbaren neben dem allg derzeitigen ges. Klima vor allem eine absolute Ahnungs- u Kenntnislosigkeit gegenüber dem Osten.
Der Amokfahrer von Leipzig ist Deutscher. Aufgrund seines Vornamens wollen das manche nicht glauben – und verraten damit eine große Unkenntnis über den Osten der Republik. Mein @LVZ Newsletter über eine seltsame Debatte, die wir seit #le0405 führen:
Heiterblick #83: Der Täter ist Bio-Ostdeutscher
Es ist immer wieder überraschend, in welchen Momenten sich die große Unkenntnis über den Osten in unserem Land offenbart.
Zum Beispiel genau jetzt: Nach der schrecklichen Amokfahrt in Leipzigs Innenstadt.
Nachdem wir die vergangenen rund 48 Stunden daran gearbeitet haben, die Tat, ihren Hergang, den Hintergrund des mutmaßlichen Täters – und den Zustand der Betroffenen zu recherchieren, erreichten die Redaktion - und auch mich persönlich - plötzlich seltsame Nachfragen bezüglich des Vornamens des Amokfahrers:
„Es wird immer nur von einem deutschen Staatsbürger gesprochen“, schrieb jemand. „Der Vorname Jeffrey klingt nicht gerade nach einem Deutschen deutscher Abstammung.“
Unter einen Post von mir schrieb jemand: „Na klar, ein Jeffrey! Sehr deutscher Name!“
Wer schon mal länger als zehn Minuten im Osten war, schüttelt jetzt ungläubig den Kopf. Ich musste etwa an meinen Schulkameraden Dave denken. An meine alte Freundin Mandy. Oder an den stets etwas verpennten Kevin aus dem Jahrgang drüber.
Kevin, Justin, Jason, ja: Jeffrey – das sind quasi bio-ostdeutsche Vornamen! Bio-ostdeutscher geht es kaum.
Und ich habe ein Herz für Kevins. War es nicht immer auch Ausdruck des großen ostdeutschen Fernwehs, dass Eltern hier ihren Söhnen und Töchtern ausgerechnet Namen gaben, von denen sie glaubten, dass man im leuchtenden Amerika sich vielleicht eben genau so anspricht? Da klang raus: Ein Kevin wird es weit bringen – vielleicht sogar bis nach Amerika.
Nach der Wende fiel diese Hoffnung traurig in sich zusammen: Eine Studie aus Oldenburg (natürlich tiefster Westen!) zeigte in den Nuller Jahren, dass Lehrer bei Namen mit exotischen Anklängen eher negative Eigenschaften assoziierten.
Inzwischen gibt es eine Aufschwung, die Immatrikulationen von Kevins steigen seit Jahren.
Es sind gerade wirklich wichtigere Fragen als die Herkunft von Täternamen zu diskutieren. Allerdings steckte in den etwas hohlen Nachfragen, wie deutsch ein Jeffrey schon sein könne, ja eine finstere Annahme: Dass so eine Tat natürlich nur ein Ausländer verüben kann.
Das sollte hiermit als widerlegt gelten. Ja: Der mutmaßliche Täter ist Bio-Ostdeutscher.
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Boxtrainer, Vater, Amokfahrer: Wer ist Jeffrey K.? Heute mit @denuse@arietzschel@dreher_v für @LVZ in einem Leipziger Boxclub recherchiert, mit Ermittlern - und mit Freunden des mutmaßlichen Täters von Leipzig gesprochen. #le0405 ➡️ https://t.co/b9VDRD8Oyt (heute ohne Paywall)
Und am Abend, nach fünf Stunden Recherche mit über einem Dutzend @LVZ Kollegen, treffe ich vor dem Gewandhaus Susi: 30, Altenpflegerin, Augenzeugin der Amokfahrt von #Leipzig. „Ich dachte, das war‘s“, sagt sie mir hinterher. #le0405
Und zum Abschluss: die Redaktion der @LVZ hat heute wirklich gute Arbeit geleistet: ihr ist es gelungen, als lokales Leitmedium extrem schnell, aber sachlich, ohne Spekulation und in guter Kooperation mit den Einsatzkräften zu berichten. Das ist selten geworden. Danke dafür.
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Die unglaubliche Geschichte zweier Familien, die sich am Wochenende in Leipzig trafen, um gemeinsam ein Wunder zu beobachten - aufgeschrieben von meiner Kollegin Frauke Ott @LVZ 🏃♂️➡️ https://t.co/ulZLXxEzNA
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