Was ist Identität? Für die meisten von uns etwas Positives, das wir hegen oder suchen, empfangen oder erschaffen.
Aber was, wenn Identität selbst das Problem ist?
Adorno misstraute allem, was Menschen auf eine fixe Identität festlegt. Denn dabei geht oft das Individuelle verloren, das Widersprüchliche, das Nicht-Einordenbare.
Für Adorno war Freiheit, mehr zu sein, als jede Identität überhaupt fassen könnte.
Was hätte Friedrich Nietzsche zur Fußball-WM gesagt?
Wahrscheinlich nicht:
„Möge die bessere Mannschaft gewinnen!“
Denn welche ist schon die „bessere Mannschaft“?
Die technisch versiertere? Die taktisch diszipliniertere?
Nietzsche hätte etwas anderes bewundert:
Größe. Mut zum Risiko. Schöpferische Kraft. Selbstüberwindung.
Eine Mannschaft, die im Kampf und in der Schönheit ihres Spiels über sich hinauswächst, selbst wenn sie am Ende verliert.
Genau die hätte ihn beeindruckt.
#WM2026
Was ist Identität? Etwas, das man empfängt, oder etwas, das man erschafft?
Für Kierkegaard ist der Versuch, sich selbst zu erschaffen, Verzweiflung: sich zum Ursprung seines eigenen Selbst zu machen.
Für Nietzsche beginnt menschliche Größe genau dort.
Zwischen beiden verläuft eine tiefe Bruchlinie der Moderne: Sind wir ein Werk unserer selbst? Oder ein Auftrag aus dem Anderen?
Was ist die Aufgabe des Menschen?
Aristoteles würde antworten:
Seine natürlichen Anlagen möglichst vollständig zu entfalten.
Nietzsche dagegen würde sagen:
Sich selbst zu überwinden.
Der eine sucht die Vollendung des Menschen, wie er dem Wesen nach schon ist.
Der andere sucht etwas, das über den Menschen hinausweist - den Übermenschen.
Kant fragt:
Wie kann die Vernunft die Neigungen beherrschen?
Schiller fragt:
Wie können Vernunft und Neigungen Freunde werden?
Dieser Unterschied weist auf einen Grundzug der deutschen Klassik:
Nicht Herrschaft, sondern Harmonie.
In einer Parteiendemokratie sollen die Parteien den Bürgerwillen in die staatlichen Institutionen tragen.
Die Parteien sind nicht der Souverän. Sie sollen sich nicht an die Stelle der Bürger setzen.
Sonst droht aus der Herrschaft des Volkes die der Parteien zu werden.
Ein Leben ohne Aufgaben macht nicht glücklich.
Nichts tun können und dabei nicht versacken ist eine Fähigkeit, die Reife erfordert.
Seine Arbeit zu lieben ist ein Glücksfall.
Aber beschäftigen kann ich mich selbst. Dafür brauche ich keine festen oder flexiblen Arbeitszeiten.
Früher verglich man sich mit Menschen, die man kannte, heute immer mehr mit Menschen, denen man nie begegnet ist.
Aber vielleicht ist das nicht das eigentliche Problem.
Vielleicht ist heute das Hauptproblem, dass wir uns vor allem mit einem Idealbild unserer selbst vergleichen.
Kierkegaard schrieb das lange vor den sozialen Medien.
Vielleicht ist der Satz heute noch aktueller als zu seiner Zeit.
Wir vergleichen uns heute nicht mehr mit zehn Menschen, sondern mit Tausenden.
„Heutzutage dient alles dem Krieg. Es gibt keine Entdeckung mehr, die die Militärs nicht auf ihren Nutzen für den Krieg hin studieren. Es gibt keine Erfindung mehr, die sie nicht für militärische Zwecke einzusetzen versuchen.“ (Nikolai Fjodorow, 1891)
„Wenn man die Wahrheit verschließt und in den Boden vergräbt, dann wird sie nur wachsen und so viel explosive Kraft ansammeln, dass sie an dem Tag, an dem sie durchbricht, alles, was ihr im Wege steht, fortfegt.“ (Émile Zola)