Der Herbst ist ein grausamer Lehrer.
Im Frühling atmet die Seele auf. Wir sehen das erste Grün, die Knospen an den Bäumen und die ersten Blumen. Nach der langen, grauen Winterzeit scheint die Welt wieder aufzuatmen, und wir freuen uns über jede Kleinigkeit, die neu zum Vorschein kommt.
Doch irgendwann ist der Garten so voller Leben, dass man die einzelne Blume kaum noch bemerkt. Und wir gehen an Hunderten von ihnen vorbei, ohne eine einzige davon anzusehen.
Im Herbst ist das anders.
Da hängt vielleicht noch eine einzelne Rose am Strauch. Die Astern sind längst verblüht, die Stauden werden braun, und nur irgendwo dazwischen findet sich noch eine einzelne Blüte, die um ein paar warme Tage kämpft.
Und plötzlich schauen wir genauer hin.
Nicht, weil diese letzte Blume schöner wäre als all die Rosen, an denen wir im Juni achtlos vorbeigelaufen sind, sondern weil wir wissen, dass auch sie bald verschwunden ist.
Und ist es in unserem Leben nicht ähnlich?
Solange wir jung sind, glauben wir, unendlich viel Zeit zu haben. Noch einen Sommer, noch einen Abend mit Freunden, ein neues Jahr, eine Reise, ein Buch, einen Sonnenuntergang.
Wir glauben, ewig zu leben, und laufen an den Dingen vorbei, ohne zu bemerken, wie schön sie sind.
Erst wenn es Abend wird, verändert sich unser Blick.
Und erst dann bemerken wir die Schönheit der letzten, zerzausten Rosen im Herbst.
In der Natur ist alles mit allem verbunden,
alles durchkreuzt sich, alles wechselt mit
allem, alles verändert sich eines in das andere.
- Gotthold Ephraim Lessing -