nur noch in den Nachrichten Im Alltag sei er unsichtbar geworden. Tote werden schnell verdeckt, außer Sichtweite gelagert, abtransportiert. Behandeln wir die Trauer wie die Körper unserer Toten? Was würde passieren, wenn wir hinschauen?
Sina Pousset in Die Zeit N⁰4
Trauernde passen nicht in die moderne Welt. Wir sind unbequem, unpraktisch, unproduktiv. Wir sollen arbeiten, konsumieren, von unserer Sterblichkeit ablenken. Ein Trauernder ist ein Warnsignal: Jeder wird sterben, jemanden verlieren. Der Tod, schreibt Knausgärd, existiere heute
»Seid wachsam und tapfer! Seid energisch, seid realistisch, seid auch gut! Plagt euch! Kämpft! Habt Ehrgeiz und Leidenschaft, Trotz, Liebe und Mut! Seid rebellisch! Seid fromm! Bewahrt euch die Hoffnung!«
Klaus Mann
geboren am 18. November 1906
in München
10.9.2024 - Welttag der Suizidprävention
Diagnose Suizid.
" Wie konnte dieser Mensch nur?"
" Hätte man diesem Menschen nicht helfen können?"
" Wieso haben nur alle weggeschaut?"
"Wieso hat niemand zugehört?"
Vier Phrasen von gefühlten Zehntausenden.
Es braucht keinen Promi der sich dem Suizid hingibt, keinen der Dutzenden gescheiterten Kinderstars, die sich nicht anders zu helfen wussten, um zu realisieren, dass da was nicht stimmen kann wenn ein Mensch diesen Schritt wählt.
Einstudierte Betroffenheit, Abwertungsaffekt und Fragen, die eigentlich gar niemand wirklich beantwortet wissen möchte.
Das würde verdammt weh tun.
Es ist bemerkenswert, wie konditioniert und egal die Gesellschaft mit diesen seltsamen Kranken umgeht.
Stars werden betrauert und man seufzt tief und schüttelt den Kopf, während irgendeine Moderatorin ihr Betongesicht in die Kamera hält und davon berichtet, dass Suizid eine echt bittere Nummer ist.
Ach was?
Der Nachbar hat sich aufgehängt und jetzt stinkt der ganze Hausflur!
Die junge Frau ist vor den Zug gesprungen und jetzt brauche ich viel länger, um nachhause zu kommen!
Der Typ hat sich das Leben genommen und Frau und Kinder für immer verlassen, die egoistische Sau!
Die Bekannte spricht von einer Krankheit, die man nicht sehen kann, die macht sich doch nur wichtig.
Warum ist dieser Mensch denn wirklich gesprungen?
Warum hat dieser Mensch diesen letzten Ausweg gewählt?
Warum und wie sehr hat dieser Mensch eigentlich gelitten?
Warum wird vieles nicht ernst genommen oder will man das überhaupt nicht?
Suizid.
Warum tut man das?
Der oder die hatte doch alles!
Der oder die hat doch immer soviel gelacht.
Der oder die war doch stets dabei, wenn es um wilde Partys, laute Diskussionen und ne Prise Liebe ging.
Der oder die war doch in einer Beziehung, hatte Familie und Freunde.
Und da war doch was mit Erfolg oder wenigstens Attraktivität.
Echt jetzt?
War das so?
Keine Anstrengungen, die bis in die steten Alpträume verfolgten?
Kein "Du musst funktionieren"?
Keine Angst vor der Angst, der Zukunft, dem Verlust und dem immer größer werdenden Monster im Kopf?
Kein Selbsthass, der nur mit massivem Genuss diverser Stöffchen und Photoshop halbwegs zu ertragen war?
Kein Scheitern an den eigenen Gebrechen, die man leider nicht sehen kann?
Kein klein werden an dem Druck in Kopf, Herz und Draußenleben.
Vielleicht konnte man den On-Knopf einfach nicht mehr permanent gedrückt halten, denn das geht an die Substanz.
Vielleicht machten Geld, laute Musik, nasse Küsse und leeres Lachen schlicht nicht glücklich genug.
Vielleicht waren Wohnung, Kind, Partner und Job einfach nicht das, was antreibt.
Vielleicht aber auch, war man es Leid sein fremdes Gesicht immer verziehen zu müssen, es jeden Tag
im Spiegel sehen zu müssen und zu wissen, dass niemand es verstünde, würde man sich offenbaren.
Womöglich ist man es leid, die Liebsten zu belasten, nicht richtig zu funktionieren, zu enttäuschen und zusehends leerer zu werden.
Womöglich ist man aber nach Tausenden gehetzten und fressenden Kilometern einfach nur müde und kraftlos.
Vielleicht ist man davon überzeugt, die inneren Dämonen, Krankheiten und Stimmen nur so ausschalten zu können.
Such dir was aus!
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