Die grösste Selbsttäuschung meines Lebens
Was es heisst, eine Transition zu bereuen und ganz von vorn anzufangen.
Anatomie des Bereuens
Bereuen ist nichts, was bei mir mit einem grossen Knall kam. Es gab nicht diesen einen Morgen, an dem ich aufgewacht bin und schlagartig wusste: Mein Weg ist falsch. Ich muss umkehren. Bereuen begann als ein leises, unruhiges Gefühl. Ein Zweifel, den ich um jeden Preis verdrängen wollte.
Ich hatte doch so viel investiert. Ich habe Jahre meines Lebens gegeben, Mut aufgebracht, Brücken abgebrochen, Beziehungen aufs Spiel gesetzt und meinen Körper durch unzählige Operationen irreversibel verändert. Je mehr ich auf mich genommen hatte, desto unmöglicher schien es, mir selbst einzugestehen: Hier läuft etwas in die falsche Richtung. Ich habe mich in eine Illusion verrannt. Es entwickelt sich nicht so, wie ich es mir erhofft habe.
Ich flüchtete mich also noch tiefer in das, was ich kannte. Mein Leben wurde zu einer starren Geschlechterrolle, die ich perfekt spielte – ohne zu merken, wie sehr ich mich darin verlor. Alles war darauf ausgerichtet, wie man mich wahrnimmt und was die Welt sieht, wenn sie mich anschaut. Ich war in dem Glauben gefangen, die Lösung für mein inneres Unbehagen läge irgendwo im Sichtbaren. Ich dachte, ich müsste nur die körperliche Hülle weit genug perfektionieren, die Rolle noch makelloser bedienen, dann würde der Seelenfrieden von allein folgen. Ich nutzte das Äussere als Schild, um die tiefen Defizite in meinem Inneren zu überdecken.
Doch dieses Ausweichmanöver liess sich nicht ewig aufrechterhalten. Mit der Zeit kostete es mich immer mehr Substanz, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Die Risse wurden grösser. Was als Schutzraum gedacht war, entwickelte sich zu einer existenziellen Enge. In mir regte sich ein zunehmender Widerstand gegen ein Dasein, das mich immer weiter von mir selbst entfernte. Ich musste mir schliesslich eingestehen: Egal wie sehr ich mich anstrenge, egal wie perfekt ich funktioniere – ich werde auf diesem Weg niemals bei mir selbst ankommen. Ich lebe eine Illusion, anstatt endlich ich selbst zu sein. Erst als dieses Gefüge aus Fremderwartung und Selbsttäuschung unhaltbar wurde, ging es nicht mehr anders: Ich musste hinsehen. Ich musste mich der Realität stellen.
Der Mut, mich dann hinzustellen und zu sagen: Ich setze noch einmal alles auf Null. Ich erlaube mir noch einmal einen Richtungswechsel, war extrem schwer aufzubringen. Denn meine Detransition bedeutet, all das wieder aufzugeben. Es bedeutet, jeden Tag mit den dauerhaften Spuren dieser Eingriffe zu leben, dem Unverständnis anderer standzuhalten und die Grenzen zu akzeptieren, die mein Körper mir heute setzt.
Das Bereuen, das dann folgte, war manchmal kaum auszuhalten. Es war die Trauer um meine verlorenen Jahre. Die quälende Frage: Was wäre gewesen, wenn? Und die schmerzhafte Nähe zu Schuldgefühlen: Warum habe ich den Wert meines gesunden Körpers damals nicht erkannt?
Was habe ich mir angetan?
Im normalen Alltag gibt es für diese Gefühle oft keinen Platz. Die Welt da draussen verlangt einfach, dass man funktioniert. Die eigentliche Auseinandersetzung passiert im Stillen, ganz für mich alleine. Dort, wo mich die Realität einholt. Es ist die stille, erschütternde Erkenntnis, wie tief ich mich in dieser Illusion verloren hatte, und die Sorge vor dem Urteil anderer. Aber am schwersten wiegt die Scham vor mir selbst – weil ich mir diese Wunden selbst zugefügt habe.
Doch genau in diesem Schmerz liegt auch etwas Gesundes. Ich darf diese Gefühle nicht länger verdrängen. Ich muss sie annehmen und aushalten, um mich wieder als ganzer Mensch zu spüren. Denn wer bereut und trauert, läuft nicht mehr vor sich selbst weg. Mein Bereuen zeigt mir heute nicht, dass ich gescheitert bin, sondern dass ich noch fühlen kann und ehrlich zu mir geworden bin.
Meine Detransition ist kein Zurückgehen. Das Alte gibt es nicht mehr. Es ist mein Versuch, anzunehmen, was war, und mich mit meiner eigenen Biografie auszusöhnen. Es ist das schmerzhafte Wiederentdecken meiner eigenen Heimat im Inneren.
Ich wünsche mir manchmal, ich könnte dieses Bereuen einfach abstreifen. Aber es bleibt ein Teil von mir. Es gibt Tage, da tut es weh, und Tage, an denen es leiser ist. Es wird nie mehr alles wie vorher. Es ist einfach ein Weg, den ich jeden Tag aufs Neue gehe. Aber ich spüre, dass diese Umwege nicht umsonst waren – weil das Leben genau dort wieder echt und greifbar wird, wo man aufhört, sich selbst etwas vorzumachen. 🙏
#Detransition #Detrans #MentalHealth #Trans #Identität
"Der Siff lässt Dich hängen"!
Eine kleine Aufmunterung für @Dixenia666. Und da manchmal Menschen Kleinigkeiten gegen sie verwenden möchten, habe ich zwei Zeilen korrigiert.