Statt auf die Errungenschaften unserer humanistischen Gesellschaft stolz zu sein und sie selbstbewusst zu verteidigen, kreisen wir masochistisch um unsere Verfehlungen und zerfleischen uns dabei selbst.
Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde unsere Art zu leben zu etwas, dessen man sich schämen sollte. Wir beschuldigen uns für buchstäblich alles, was gerade in der Welt falsch läuft. Verdienste wie Redefreiheit, Individualrechte oder Säkularismus – all das ist plötzlich nichts mehr wert. Lebensrettende Medizin, freie Marktwirtschaft, ingenieurstechnische Meisterleistungen – alles, was über die letzten 150 Jahre unzählige Menschen aus bitterer Armut geholt hat, wird mit Skepsis und Feindseligkeit betrachtet. Eine Kultur, die Michelangelo, Da Vinci, Mozart oder Einstein hervorgebracht hat, wird dargestellt, als hätte sie nichts Relevantes mehr zu sagen.
Schon immer war es die große Stärke der westlichen Kultur, sich selbst kritisch zu hinterfragen. Doch diese Stärke hat auch eine Kehrseite. Wer nämlich buchstäblich alles in Frage stellt, stellt mitunter auch seine eigene Existenz in Frage. Und das hat eine potentiell selbstzersetzende Kraft. In den letzten Jahren ist unsere Fähigkeit zur Selbstkritik in Selbsthass und Selbstverleugnung umgeschlagen. Wir erleben eine Perversion der Aufklärung.