Und wie selbst jede einzelne Stufe, das Zeitalter der Scholastik, der Aufklärung, ein Zahlenbild, Denkbild und Naturbild entwirft, das nur für sie paßt, so spiegelt sich endlich jedes Jahrhundert in einem eigenen Seelenbilde.
Wie aber Einteilung und Verhältnis im einzelnen liegen und wie man sich die seelischen Elemente vorstellt, als Schichten, Kräfte, Substanzen, als Einheit, Polarität oder Vielheit, das kennzeichnet den Nachdenkenden schon als Glied einer bestimmten Kultur.
In den modernen Theorien des Willens wird man die ganze Formensprache der Elektrodynamik finden. Wir reden von Willensfunktionen & Denkfunktionen in demselben Sinne wie von der Funktion eines Kräftesystems. Der "reine" Psychologe merkt gar nicht, daß er den Physiker kopiert.
Assoziationen, Affekte, Triebfedern, Denken, Fühlen, Wollen - alles das sind tote Mechanismen, deren Topographie den belanglosen Inhalt der Seelenwissenschaft bildet. Man wollte das Leben finden und traf auf eine Ornamentik von Begriffen.
Das Bild der Seele [wohlgemerkt nicht: die Seele] ist mythisch & ein Gegenstand von Seelenkulten, solange das Bild der Natur religiös erschaut wird; es verwandelt sich in eine wissensch. Vorstellung & wird Gegenstand gelehrter Kritik, sobald man "die Natur" kritisch beobachtet.
Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. (1)
Der Urmensch erlebt "die Seele" zuerst in andern Menschen und dann in sich als "numen", wie er "numina" in der Außenwelt kennt, und er legt seine Eindrücke in mythischer Weise aus. Die Worte dafür sind Symbole, Klänge, die dem Verstehenden etwas Unbeschreibliches bedeuten. (1)
Wille - das ist kein Begriff, sondern ein Name, ein Urwort wie Gott, ein Zeichen für etwas, dessen wir innerlich unmittelbar gewiß sind, ohne es jemals beschreiben zu können.
Keiner der tausend Psychologen unserer Tage hat eine wirkliche Analyse oder Definition "des" Willens, der Reue, der Angst, der Eifersucht, der Laune, der künstlerischen Intuition geben können.
Den Satz: Es ist möglich, durch das Denken die Formen des Denkens festzustellen, hat Kant nicht bezweifelt, so zweifelhaft er dem Nichtphilosophen erscheinen mag.
Jeder Philosoph von Beruf ist gezwungen, ohne ernstliche Nachprüfung an das Dasein eines Etwas zu glauben, das sich in seinem Sinne verstandesmäßig behandeln läßt, denn seine ganze geistige Existenz hängt von dieser Möglichkeit ab.
Die uns bekannte chinesische Malerei zeigt mehr als ein Jahrtausend hindurch das Auf und Ab wechselnder Stilmoden, keine Entwicklung, und es muß schon zur Hanzeit so gewesen sein.
Jede Modernität hält Abwechslung für Entwicklung. Die Wiederbelebung & Verschmelzung alter Stile treten an die Stelle wirklichen Werdens. Auch Alexandria hatte seine präraffaelitischen Hanswürste, mit Vasen, Bildern und Theorien, seine Symbolisten, Naturalisten & Expressionisten.
Daraus folgt - ein bitteres Eingeständnis -, daß es mit der abendländischen bildenden Kunst unwiderruflich zu Ende ist. Die Krisis des 19. Jahrhunderts war ihr Todeskampf. Was heute als Kunst betrieben wird, ist Ohnmacht und Lüge.
Zwischen Wagner & Manet besteht eine tiefe Verwandtschaft, die ein Kenner alles Dekadenten wie Baudelaire schon früh herausfand. Aus farbigen Strichen & Flecken eine Welt im Raum hervorzuzaubern, W. leistet das mit 3 Takten, in denen sich eine ganze Welt von Seele zusammendrängt.
Die frühen Künstler fühlen sich als Meister der großen Form, die späten als deren Sklaven. Das Zeichen aller lebendigen Kunst, die reine Harmonie zwischen Wollen, Müssen und Können, das Selbstverständliche des Ziels, die Einheit von Kunst und Kultur, alles das ist vorüber.