Die Seilschaften funktionieren: Lagardes vorzeitiger Abschied sichert die Macht
Christine Lagarde hat am 29. Oktober 2026 theatralisch ihren vorzeitigen Rücktritt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank angekündigt. In einem Video mit Pflaster im Gesicht erklärt sie, ihr Amt bereits zum 7. Februar 2027 niederzulegen – neun Monate vor dem regulären Ende ihrer achtjährigen Amtszeit Ende Oktober 2027.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Er ermöglicht es dem scheidenden französischen Präsidenten Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz, noch vor der französischen Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 einen genehmen Nachfolger zu installieren. Dieser wird dann die nächsten acht Jahre an der Spitze der wichtigsten europäischen Notenbank stehen.
Bereits im Februar 2026 hatte die Financial Times berichtet, Lagarde wolle vor der französischen Wahl gehen, um Macron und Merz die Nachfolgeregelung zu erleichtern. Hintergrund war die Sorge vor einem möglichen Wahlsieg eurokritischer Kräfte um Marine Le Pen. Im September bestätigte Lagarde selbst Überlegungen zu einem früheren Abtritt. Laut Berichten möchte sie mehr Freiheit gewinnen, sich politisch zu äußern – insbesondere zu Entwicklungen in Frankreich.
Die offizielle Begründung bleibt vage. Die EZB nannte keinen konkreten Grund. Beobachter sehen darin klassisches Machtmanagement: Die Ernennung eines EZB-Präsidenten erfordert die Zustimmung der Staats- und Regierungschefs der Eurostaaten. Ein französischer Präsident aus dem Rassemblement National könnte den Prozess erschweren oder beeinflussen. Durch den vorgezogenen Rücktritt wird diese Variable ausgeschaltet, bevor die Wähler in Frankreich entscheiden.
Als Favoriten gelten unter anderem der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos (derzeit bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich). Auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatte sich ins Gespräch gebracht.
Was hier sichtbar wird, ist die Funktionsweise europäischer Seilschaften. Eine Institution, deren Unabhängigkeit eigentlich vor politischer Einflussnahme schützen soll, wird in ihrer personellen Kontinuität so getaktet, dass ein möglicher demokratischer Machtwechsel möglichst wenig Wirkung entfaltet. Der Nachfolger wird nicht unter den Bedingungen gewählt, die nach der französischen Präsidentschaftswahl gelten könnten, sondern unter den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen der etablierten Kräfte.
Lagardes Video mit dem Pflaster im Gesicht und der betonten Dankesrede an die Mitarbeiter mag äußerlich den Eindruck eines würdigen Abschieds erwecken. Inhaltlich dokumentiert der Vorgang jedoch, wie eng die Personalentscheidungen an der EZB-Spitze an den Wahlkalender der Mitgliedstaaten gekoppelt bleiben.
Die Seilschaften funktionieren – und sie funktionieren rechtzeitig.
@IngoWendelken Markus Lanz muss man wirklich loben. Er hat nicht locker gelassen und Steffen Krach komplett demaskiert.
Es war zum fremdschämen!
PS:
In Hannover ermittelt auch noch die Staatsanwaltschaft gegen ihn, wegen Bestechlichkeit.