@bundeskanzler Wenn der fleißige Bürger dann irgendwann wegen Erhöhung der Leistung und Verlängerung der Lebensarbeitszeit tot umgefallen ist - ist es dann eigentlich erforderlich, den Totenschein schon am ersten Tag beim ArbGeber einzureichen?
@miezmops_K5 Nachdem das "wir schenken uns nix" dann doch immer mehr aufgeweicht ist (nur was Selbstgemachtes/nur ne Kleinigkeit) haben wir seit vorletztem Jahr die Regel: wer mit Geschenk kommt, muss leider draußen bleiben. Das hat geklappt :)
Tag der deutschen Spaltung
Was von der Einheit übrig blieb
In den frühen 70ern saß ich in der Grundschule und packte Pakete für Menschen in der DDR. Ich war die Tochter einer Deutschen und eines Kroaten – aber das spielte keine Rolle. Wir packten alle Pakete. Für Menschen, die wir nie gesehen hatten. Für Menschen, die in einem anderen Deutschland lebten, hinter einer Mauer, die wir nicht verstanden, aber für falsch hielten.
Das war normal. Solidarität mit völlig Fremden. Nicht, weil man dafür gelobt wurde. Sondern weil man es tat.
Als die Mauer fiel, habe ich geweint. Vor Freude. Vor Erleichterung. Aus dem Gefühl heraus, dass endlich zusammenwächst, was zusammengehört. Dass Menschen, für die wir als Kinder Pakete gepackt hatten, jetzt frei sein würden. Dass wir alle endlich eins sein würden.
Das war 1989.
2025: Die neue Spaltung
Heute, 35 Jahre später, befürchte ich, würde mich die Mehrheit im Osten „remigrieren”.
Ich. Die als Kind Pakete für sie gepackt hat. Die geweint hat, als die Mauer fiel. Die gedacht hat, wir wären alle Deutsche.
Aber ich „falsch“ bin. Nicht richtig „biodeutsch“ und dann noch solidarisch mit Ukrainern, Minderheiten, dem Klima.
Die Ironie ist so bitter, dass man sie kaum aushalten kann: Diejenigen, denen wir damals halfen, weil sie eingesperrt waren – wollen in der Mehrheit heute andere rauswerfen. Oder unsichtbar machen.
Aber, auch in den alten Bundesländern gibt es verstärkt diese Vorstellungen.
Ob Migrationshintergrund oder Solidarität - so vieles ist zum Kampfbegriff geworden. Gutmensch eine Beleidigung. Wer sich für andere einsetzt, ist naiv. Wer teilen will, ist Kommunist. Wer Fremde nicht als Feinde sieht, ist realitätsfern.
Die Pakete, die wir damals packten – heute würde man uns dafür verhöhnen. „Warum kümmert ihr euch um die? Die sollen sich selbst helfen!”
- Wer arm ist, ist selbst schuld.
- Wer krank ist, kostet zu viel.
- Wer alt ist, hat zu lange gelebt.
- Wer Hilfe braucht, ist Ballast.
Die Spaltung ist jedoch nicht mehr Ost und West. Die Spaltung ist: Die, die nehmen können – und die, die geben müssen. Die Starken – und die Entbehrlichen.
Was wir feiern
Morgen ist der 3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit.
Aber was feiern wir eigentlich?
Dass wir die Mauer niedergerissen haben, um neue zu bauen – diesmal nicht aus Beton, sondern aus Verachtung?
Dass wir „endlich frei” sind, um diejenigen zu verachten, die nicht genug leisten, nicht deutsch genug aussehen, nicht profitable genug sind?
Die Einheit, für die 1989 Menschen auf die Straße gingen, war eine Einheit der Hoffnung. Der Solidarität. Der Idee, dass wir gemeinsam stärker sind.
Die „Einheit”, die wir heute haben, ist eine der Ausgrenzung. Eine, in der „wir” immer kleiner wird und „die anderen” immer mehr. Eine, in der Zusammenhalt als Schwäche gilt und Härte als Stärke.
Was bleibt
Ich denke an die Pakete zurück. An die Selbstverständlichkeit, mit der wir damals halfen. An das Gefühl, dass Menschen Menschen sind – egal, wo sie leben, wie sie heißen, woher sie kommen.
Und ich frage mich: Wann haben wir das verloren?
Wann wurde aus „Wir helfen, weil wir können” ein „Die sollen sich selbst helfen”?
Wann wurde aus „Wir sind alle Menschen” ein „Wir” gegen „Die”?
Wann wurde Solidarität zur Dummheit erklärt?
Morgen werden Politiker von Einheit reden. Von dem, was wir erreicht haben. Von Stolz und Zusammenhalt.
Aber die Wahrheit ist: Wir sind gespaltener als je zuvor.
Nicht geografisch. Sondern moralisch.
In ein Land, das sich erinnert, was Solidarität bedeutet – und ein Land, das sie verachtet.
In ein Land, das Menschen als Menschen sieht – und ein Land, das sie nach Verwertbarkeit sortiert.
In ein Land, das die Mauer niederreißen wollte – und ein Land, das neue baut.
Ich weiß nicht, in welchem Deutschland ich leben will.
Aber ich weiß, in welchem ich nicht leben kann: In einem, das vergessen hat, warum wir damals Pakete gepackt haben.