Der Preis war Maduro: Ein Coup in drei Akten
Der Schattenmann: Richard Grenell – ihr erinnert euch? Der US-Botschafter in Berlin, der Deutschland belehrte, mit AfD-Sympathisanten dinierte, der so auftrat, dass selbst die Union erleichtert war, als er ging. Der Mann, der immer Deals macht, an den offiziellen Kanälen vorbei.
Jetzt wissen wir, was er nebenbei noch gemacht hat.
Schon am 31. Januar 2025, nur 10 Tage nach Trumps Inauguration, flog Grenell nach Caracas und traf Nicolás Maduro im Präsidentenpalast – das erste hochrangige US-Venezuela-Treffen seit Jahren. Offiziell ging es darum: Geiseln freizukaufen. Inoffiziell: Er sondierte, wer im Regime verhandlungsbereit wäre.
Und er fand: Delcy Rodríguez.
Die Schlüsselfigur: Die Vizepräsidentin, 56, Tochter eines marxistischen Guerilleros. Ihr Vater Jorge Antonio Rodríguez hatte 1976 einen US-Manager entführen lassen – angeblich ein CIA-Mann. Drei Jahre Geiselhaft. Kurz danach wurde er verhaftet. Als Delcy ihn im Gefängnis besuchte, stößt die Geheimpolizei sie in seine Zelle und zündet eine Tränengasgranate. Sie ist sieben Jahre alt. Bis heute führt sie ihr Asthma auf dieses Trauma zurück. Wenig später wird ihr Vater zu Tode gefoltert.
„Die Revolution ist unsere Rache für den Tod unseres Vaters“, sagt sie Jahre später.
Sie studiert Jura, geht nach Paris und London, wird Diplomatin, Außenministerin, Vizepräsidentin. Maduro nennt sie seinen „Tiger“. Zwanzig Jahre treue Chavista. Und obwohl es im Laufe der Jahre Sanktionen aus den USA, der EU, der Schweiz und Kanada hagelt:
Sie und ihr Bruder Jorge, der Parlamentspräsident, sind die einzigen im inneren Machtzirkel ohne US-Anklage. Anders Geheimdienstchef Diosdado Cabello: Auf ihn wurde ein 25-Millionen-Dollar-Kopfgeld ausgesetzt. Verteidigungsminister Padrino? 15 Millionen. Die Rodríguez-Geschwister? Nichts.
Der Deal: Im April 2025 passiert etwas Bemerkenswertes. Über Mittelsmänner in Qatar – das kleine Emirat, das sich bereits in vielerlei Hinsicht als neutraler Vermittler positioniert hat – erreicht eine Nachricht Washington: Die Rodríguez-Geschwister bieten einen Deal an. „Madurismo ohne Maduro.“ Maduro solle ins Exil gehen, nach Qatar oder in die Türkei. Delcy würde die Präsidentschaft übernehmen. Im Gegenzug öffne Venezuela seinen Ölmarkt für US-Firmen, reduziere die Kooperation mit Russland, China und Iran.
Das Argument der Geschwister: Sie hätten keine US-Anklagen am Hals. Sie seien „vorzeigbarer“.
Im September kommt ein zweiter Vorschlag. Detaillierter: Maduro trete in drei Jahren ab, ein Ex-General führe die Übergangsregierung, Delcy bliebe die Schlüsselfigur. Laut Miami Herald habe Maduro beide Vorschläge abgesegnet.
Richard Grenell bringt diese Angebote ins Weiße Haus und ins State Department.
Hier wird es kompliziert. Grenell und Außenminister Marco Rubio, beide Trump-Loyalisten, verfolgen völlig unterschiedliche Strategien. Grenell will den Deal. Möglicherweise war er von Trump beauftragt, in seinem Namen dafür zu sorgen, die Öl-Magnaten, die seinen Wahlkampf großzügig unterstützen, zurück nach Venezuela zu bringen.
Rubio will aber den Sturz der Maduro-Regierung. Semafor schreibt im September 2025, Grenell habe „eine neue Form von Maduro-Fanfiction erfunden, in der der Diktator einfach ein Guter ist, der missverstanden wird.“ Ein anderer Trump-Berater nennt die Rodriguez-Vorschläge „Cartel Lite“ – und nicht akzeptabel.
Am 2. Oktober 2025 ruft Trump Grenell persönlich an. Die Order: Alle Verhandlungen stoppen. Sofort.
Zwei Wochen später enthüllt der Miami Herald die Qatar-Gespräche. Rodriguez dementiert wütend. „FAKE!! Psychologischer Krieg gegen Venezuela!“ Sie postet ein Selfie mit Maduro, beide lächeln: „Zusammen und vereint, den Weg von Chávez konsolidieren.“
Drei Monate später, in der Nacht zum 3. Januar 2026, fliegen Delta-Force-Soldaten nach Caracas und holen Maduro aus dem Bett.
Stunden später telefoniert Delcy Rodríguez mit Marco Rubio. Trump sagt bereits gestern Abend auf seiner Pressekonferenz: „Sie hatte ein langes Gespräch mit Marco und sagte: ‚We‘ll do whatever you need.‘“
Warum Rubio doch zum Hörer griff? Weil er erkannt hat, dass man einen Diktator stürzen kann, um sein Gesicht zu wahren, aber eine funktionierende Bürokratie braucht, um das Öl fließen zu lassen. Es war ein Sieg für Grenells Plan: Rubio lieferte die Delta Force für das Ende von Maduro, aber Grenell lieferte Delcy für den Tag danach.
Am gleichen Tag, im venezolanischen Staatsfernsehen, umgeben von Generälen und Ministern klingt die Vizepräsidentin dann anders: „Es gibt nur einen Präsidenten in Venezuela, und sein Name ist Nicolás Maduro! Nie wieder Kolonie!“
Diese Doppelzüngigkeit ist atemberaubend. Aber sie ergibt Sinn, wenn man die Geschichte kennt.
Senator Mark Warner, Vizevorsitzender des US-Geheimdienstausschusses, kannte sie offenbar nicht. Er sagt CBS: „In vielen, vielen Briefings, als wir darüber sprachen, wer nach Maduro übernehmen würde – das Militär? Die Opposition? – gab es keine Konversation darüber, dass die Vizepräsidentin eine tragfähige Figur wäre.“
Die Qatar-Verhandlungen liefen vollständig am Kongress vorbei. Wie der gestrige Coup. Und Grenells Spezialität.
Doch Trump wusste es. Und als er die Gespräche im Oktober stoppte, wusste er auch: Rodriguez ist bereit zu kooperieren, falls es hart auf hart kommt. Er musste nur noch den Preis festlegen.
Der Preis war Maduro.
Das Alibi: Die Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado, die eigentlich die demokratische Opposition anführt und Trump ihren Nobelpreis widmete? Kam gar nicht erst ins Rennen. Sie war das „weiche“ Alibi, um Trumps Venezuela-Ambitionen menscheln zu lassen. Über sie sagt er gestern: „Sehr nette Frau, aber sie hat nicht den Respekt.“ Eine Frau, ohne Macht. Eine Frau, die nicht garantieren kann, dass die Karten so ausgespielt würden, wie es sich Trump wünschte.
Die Tochter des Märtyrers hingegen, die Frau, deren ganzes Leben „Rache“ war – mit der kann er arbeiten.
Die beste Rache ist nicht der Sozialismus.
Die beste Rache ist die Macht.
Und die Ölverträge unterschreibt jetzt sie.
Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit – und vieles davon haben wir schon beim Irakkrieg erlebt.
Deshalb hier 6 Tipps, wie man korrekt und professionell über den US-Angriffskrieg gegen Venezuela berichtet.
Thread:
Die Pressekonferenz von US-Präsident Trump zu Militäraktion gegen #Maduro und #Venezuela gerade vorbei. Mir blieb mehrfach der Mund offen bei dem, was Trump sagte. Unglaublich selbst für Trumpverhältnisse! #Thread 1/7
Ich widerspreche @ArminLaschet klar. Völkerrechtlich in Ordnung nach UN-Charta ist da heute nichts gewesen.
Das Ausland ist nicht der Wahlleiter, um gefälschte Wahlergebnisse mit Waffengewalt zu korrigieren.
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Drei alte Männer zerschlagen die Welt – und wir diskutieren noch über die Geschäftsordnung
Herfried Münkler ist einer der klügsten politischen Köpfe dieses Landes. Emeritierter Professor der Humboldt-Uni, prägende Stimme in jeder Debatte über Geopolitik.
Wenn so jemand in einem Podcast sitzt (hier Table Today mit Stefan Braun) und nüchtern feststellt: „Wir sind von einer regelbasierten in eine machtbasierte Ordnung gewechselt“ – dann ist das keine akademische These. Das ist eine Kriegserklärung an unsere Selbstberuhigungslügen.
Viele von uns spüren das längst. Persönlich läuft es irgendwie noch. Aber der Blick auf die Welt da draußen? Gefährlicher war es seit Jahrzehnten nicht.
Und trotzdem tun wir so, als müssten wir nur noch ein bisschen aussitzen, ein bisschen verhandeln, ein bisschen hoffen – dann wird schon alles wieder.
Hand aufs Herz: Ertappt ihr euch nicht auch immer wieder dabei, selbst auszuweichen? Wie ihr die Nachrichten lest, nickt, weiterscrollt – und so tut, als ginge uns das alles nur indirekt etwas an? Als wäre wir BeobachterInnen, nicht Teil dieser Lage. Als könne man sich aus einer Zeitenwende irgendwie herausmogeln.
Können wir nicht.
Blitzschach mit Atomwaffen
Münkler beschreibt die neue Weltordnung mit einem brutalen Vergleich: Schach mit Zeitlimit. Wer nicht rechtzeitig zieht, ist raus. Während wir noch debattieren, ob der Zug regelkonform ist, haben andere längst drei Züge gemacht und uns matt gesetzt.
Demokratien mit ihren Aushandlungsprozessen, ihren Checks and Balances, ihren endlosen Diskussionsrunden – sind die überhaupt noch schnell genug für diese Welt?
Die Antwort lautet: Nein. Nicht, solange wir weitermachen wie bisher.
Vielleicht ist das das eigentlich Beunruhigende: Nicht, dass sich die Welt verändert – sondern dass wir merken, wie sehr wir uns wünschen, sie möge sich bitte langsamer verändern. Dass sie uns Zeit lässt, uns innerlich zu sortieren. Und dass genau dieser Wunsch längst Teil des Problems ist.
Denn drei Männer treiben diesen Wandel längst voran. Drei Imperien. Drei sehr unterschiedliche Motive – aber alle drei spielen auf Macht, nicht auf Regeln.
Putin: Getrieben von Ressentiment. Von der Kränkung, dass Russland nicht mehr in der ersten Reihe steht. Der Ukraine-Krieg ist kein Ausrutscher eines senilen Diktators. Es ist Baustein Nummer vier in einem 20-Jahres-Plan: Tschetschenien (1999), Georgien (2008), Krim (2014), Ukraine (2022). Und gerade jetzt: Hybrid warfare gegen Bulgarien, Rumänien, Moldau – Wahlen manipulieren, Kommunikationssysteme angreifen. Putin hat vom deutschen Generalstab zwischen 1936 und 1939 gelernt, sagt Münkler. Und er hat Zeit.
Xi Jinping: Kein Ressentiment, sondern Restauration. China war jahrhundertelang die Nummer eins. Dann kamen Opiumkrieg, Boxeraufstand, das „Jahrhundert der Demütigung“. Jetzt holt sich China zurück, was ihm – so die Lesart – der Westen geraubt hat. Bis 2050 soll China wieder an der Spitze stehen. Mit einer Marine, die von der Tonnage her bereits jetzt größer ist als die der USA. Mit einer Luftwaffe mit offensiven Fähigkeiten. Mit einem 17+1-Format, das 17 mittel- und osteuropäische Länder direkt an Brüssel vorbei an China bindet. Xi ist längst in Europa drin.
Trump: Abstiegsangst plus trotziger Rückzug. „Make America Great Again“ heißt: Wir wurden ausgenutzt, haben für andere die Kastanien aus dem Feuer geholt, und jetzt ist Schluss. Trump will die USA vom globalen Hegemon zum territorial konsolidierten Imperium umbauen. Kanada als 51. Bundesstaat, Grönland kaufen, Panama-Kanal zurück. Ein imperiales Projekt mit Portfolio: Handel, Zölle, Militär. Und die neue US-Sicherheitsstrategie dokumentiert es schwarz auf weiß: Der transatlantische Westen ist tot. Trump hat ihn 2025 liquidiert.
Europa: Gespalten, gelähmt, gerne auch naiv
Und wir? Wir sind gespalten. Nicht nur politisch. Mental.
Die einen sind in höchster Sorge. Die anderen – Grüße an die AfD – sagen: „Mir hat Putin nichts getan.“ Solange Deutschland nicht angegriffen wird, ist alles okay.
Noch schlimmer: Es gibt eine Zentrifugalkraft. Viktor Orban – von Münkler als „Einflussagent Russlands“ bezeichnet – will Ostanlehnung. Fico, Babiš haben ähnliche Tendenzen. Sie blockieren die EU. Drei Zwerge, die 27 Staaten lahmlegen.
Und dann die anderen: die Westanlehnungs-Fraktion. Aber – und das ist der Schock – den transatlantischen Westen gibt es nicht mehr. Es war Obama, der 2011 „Pivot to Asia“ verkündete. Der Atlantik ist nicht mehr Priorität für die USA.
Was machen die, die das nicht wahrhaben wollen? Sie erzählen sich Märchen: „So schlimm ist es nicht. Trump ist alt, dann kommt ein anderer.“ Wer denn? Vance? Und dann?
Münkler nennt sie „Traumtänzer“. Die anderen sind „Unterwerfungspazifisten“. Beide argumentieren mit einem „Dispens auf Anstrengung“ – wir müssen uns nicht anstrengen, es wird schon wieder. Die Russen liefern Gas, die Amerikaner halten den Atomschirm über uns.
Diese „bräsige Bequemlichkeit“ sitzt tief. Besonders in Deutschland. Wir waren von 1945 bis 1989 der höchst militarisierte Raum weltweit. Eine Mentalität des Überangestrengtseins ist geblieben. Und jetzt? Jetzt wollen wir unsere Ruhe.
Die einzige Lösung: E3/E5 – oder das Ende
27 EU-Staaten, die nach Einstimmigkeit funktionieren müssen? Blockiert von Orban, Fico, Babiš? Italien, das nach Süden schaut auf Migrantenboote vor der tunesischen Küste? Frankreich, das die Ukraine als „ganz weit weg“ betrachtet, weil die Prioritäten traditionell im Mittelmeerraum, in Afrika, in den ehemaligen Kolonien liegen?
Das funktioniert nicht. Nicht in einer Welt, die auf Blitzschach umgestellt hat.
Die Lösung: E3 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien), erweitert zu E5 (plus Polen und Italien). Diese fünf müssen handlungsfähig sein – per Telefon, face-to-face, ohne Einstimmigkeitszwang. Ein hierarchisches Zentrum der EU in Außen- und Sicherheitspolitik.
Klingt undemokratisch? Mag sein. Aber die Alternative ist der Zerfall.
Trump arbeitet dran. Putin arbeitet dran. Xi hat sein 17+1-Format schon installiert. Die Beschleunigung ist da. Und Europa? Diskutiert noch über die Geschäftsordnung.
Hegel gegen Schopenhauer – oder: Warum wir nichts gelernt haben
Am Ende wird Münkler philosophisch. Und düster.
Hegel glaubte, wir lernen aus der Geschichte. Dialektischer Prozess, Fortschritt, Vernunft.
Schopenhauer wusste es besser: „Wir lernen aus der Geschichte, dass wir nichts gelernt haben.“
Und genau das ist passiert.
Wir haben geglaubt, über die „Friedensdividende“ das Richtige gelernt zu haben. Deutsche lassen die Finger von Waffen. Frieden schaffen mit immer weniger Waffen. Schöne, hochattraktive Vorstellungen.
Aber wir haben nicht begriffen: Es gibt Leute, die unser Lernen beobachten. Und die legen es als Schwäche aus.
Münkler vergleicht es mit Mannschaftssport: Jede Mannschaft beobachtet, was der Gegner trainiert – und hebelt genau das aus. Wenn der Gegner auf Ballbesitz setzt, spielt man lange Bälle und schnelle Stürmer.
Politik funktioniert genauso. Aber wir haben uns eingebildet, man könne ein für allemal das Richtige wissen. Und auf seiner Seite haben.
Das war nicht aufmerksames Beobachten von Geschichte. Das war Sehnsucht nach Ruhe. Verwechselt mit Weisheit.
Der ungelöste Widerspruch: „Nie wieder Krieg“ vs. „Nie wieder Auschwitz“
Wir hatten nach 1945 zwei große Überschriften:
· „Nie wieder Krieg“
· „Nie wieder Auschwitz“
Und wir haben verdrängt, dass das ein Widerspruch sein kann.
Joschka Fischer hat das aufgemacht, im Eindruck der jugoslawischen Zerfallskriege. Aber davor? Pazifismus des Beschweigens. Wir wollten gar nicht wissen, wo du warst, was du gemacht hast. Wir mussten damals halt irgendwie zusammenleben.
Die Bundesrepublik hat sich über Jahrzehnte durch Lebenslügen schön gemacht. Geschichtspolitik nennt man das, wenn Professionelle es machen: Die Geschichte so erzählen, dass sie die Legitimation der gegenwärtigen Zustände liefert.
Aber oft ist es auch etwas anderes: Sich selbst das eigene Leben schön erzählen.
Und so haben wir uns erzählt: Wir haben das Richtige gelernt. Wir sind die Guten. Wir brauchen keine Waffen mehr.
Währenddessen haben andere beobachtet. Und gelernt. Das Falsche für uns. Das Richtige für sie.
Werden die Enkel in Frieden leben?
Die Frage im Podcast: Werden wir, werden unsere Kinder, unsere Enkel in 20 Jahren wieder in einer friedlicheren Welt leben?
Münklers Antwort: „Ich glaube das nicht unbedingt.“
Er sieht keine umfassende Befriedung der Welt. Die strukturellen Probleme – Nord-Süd, Ost-West – sind zu groß. Es kann sein, dass man auf einem hohen Level der Abschreckung verhindern kann, dass sich Ukraine-Kriege wiederholen. Aber die Frage ist: Wer lernt von Putin, wenn Putin als Gewinner vom Platz geht?
Erdoğan würde gerne ein bisschen Osmanisches Reich wiederherstellen. Vučić hat Kosovo und Bosnien im Blick. Und dann der globale Süden: furchtbare Kriege im Ostkongo, im Sudan – die wir nicht auf dem Schirm haben, weil sie so weit weg sind.
Münkler sieht nicht, dass wir die Fähigkeiten haben, diese Welt verlässlich zu "verfriedlichen".
Zerstört die Menschheit ihr Zuhause?
Und dann, ganz am Schluss, die große Frage: Zerstört die Menschheit ihr Zuhause?
Münklers Antwort: Ja.
Erderhitzung. Kriege als gewaltige Erderhitzer. Flüchtlingsbewegungen als ökologische Katastrophen. Zehn Millionen Menschen, die nicht mehr dort wohnen, wo sie ihre Subsistenz vorfanden.
„Wir arbeiten kräftig daran, die Grundlagen unseres Fortlebens zu verschlechtern. Ich würde nicht sagen, völlig zu zerstören, aber zu verschlechtern. Was heißt, dass die Anstrengungen, irgendwie zu überleben, größer werden.“
Das ist keine gute Nachricht.
Schopenhauer hatte recht
Am Ende bleibt Schopenhauer. Nicht Hegel.
Wir lernen aus der Geschichte, dass wir nichts gelernt haben.
Putin hat 20 Jahre lang seine Strategie verfolgt. Xi baut sein Imperium auf. Trump zertrümmert die alte Ordnung.
Und wir? Wir erzählen uns weiter, dass es schon nicht so schlimm wird. Dass irgendwer schon eingreift. Dass die Regeln am Ende doch gelten.
Tun sie nicht.
Die Enkel werden nicht in einer friedlicheren Welt leben. Die Anstrengungen zu überleben werden größer. Die Zeit der schönen Geschichten ist vorbei.
Münkler gibt keine falschen Hoffnungen. Aber er zeigt auch: Resignation ist keine Option. Es gibt Handlungsräume – wenn man bereit ist, die Realität zu sehen. Mit all ihrer Härte. Mit all ihrer Unbequemlichkeit.
E3/E5 – oder das Ende. Das ist kein Slogan. Das ist die Wahl.
Wir können weiter diskutieren, verhandeln, aussitzen. Können weiter auf Regeln pochen, während andere Fakten schaffen. Können weiter hoffen, dass irgendwer uns rettet.
Oder wir können aufwachen. Handeln. Entscheiden.
Die Uhr tickt. Blitzschach, erinnert ihr euch?
Vielleicht besteht unsere eigentliche Aufgabe nicht darin, die richtige Geschichte zu erzählen. Sondern darin, aufzuhören, uns mit Geschichten zu beruhigen.
Nur stehen wir immer noch am Brett und überlegen, ob wir die Eröffnung kennen.